Tag 2: Dobri Otoc

Irgendwann fand der „open end“ Abend in der Pizzeria auch ein Ende. Doch der Weg in die Koje war ein langer. So kam es, dass noch das eine oder andere Gläschen genommen werden musste, um diejenigen zu befrieden, die nicht mehr wussten wo sie zu Hause waren, die scheinbar ziellos umherirrten und auf fremdem Booten Einlass begehrten. An Schlaf war erst zu denken, als wirklich der allerletzte Tropfen verdunstet war, sodass ich mich so gegen halb, in meine Koje quetschen konnte.

Die Sonne stand bereits hoch und brannte unerbittlich vom tiefblauen Himmel als mich das brummen meines Schädels aus dem Tiefschlaf riss. So nach und nach kroch auch der Rest der Mannschaft aus ihren Kajüten, nachdem ich mit der Vorbereitung des Frühstücks begann. Wir, die Mannschaft der „GORKI“, eine Salona 37, waren zu dritt. Franz, Franz und Franz…; keine leichte Aufgabe sich bei dem Gewirr von Namen einen Durchblick zu verschaffen. Nun, Franz M. betätigte sich als Skipper, Franz S. und meine Wenigkeit stellten die Mannschaft dar, die zu befehligen sich als nicht einfach herausstellte. Je nachdem worum es sich handelte reagierten alle oder keiner wenn der Ruf nach „Frauuuuunz“ erschallte. Gesicherte Reaktionen waren blos bei der Vergabe des Manöverschlucks zu erwarten, weshalb dieser relativ oft die Runde machte.

Zwiebel, Speck und Eier, frisches, knuspriges Weißbrot dazu, ein Klassiker auf jedem Segeltörn. Flugs auf den Tisch gezaubert begann die Raunzerei:

“Ich kann am Morgen gar nix“;

„Ich brauch mindestens a Stund bis i wos ess`n kaun“;

„An Kaffee höchstens, oder a Cola“;

„Späda, i nimm ma daun wos…“;

„I muas erst ane rauch`n…“.

Schrecklich diese verwöhnten Fratzen. Welche Frauen haben die nur, die das aushalten müssen? Gut war, dass wir uns schon länger kannten und dies nicht der erste gemeinsame Törn war, so war ich darauf vorbereitet und lies es mir besonders gut schmecken.

„Klar zum Ablegen?…..“. Ich hatte kaum das Geschirr unter Deck gebracht, stand Franz M. schon am Ruder, bereit zum ersten seemännischen Manöver des Tages. Es folgte ein Bilderbuchmanöver mit ruhigem, routinierten Ablauf ohne Wenn und Aber. Tja, die Franz`l Crew hatte schon einiges drauf, denen stand die Seemannschaft glaubhaft ins Gesicht geschrieben. Kaum hatten wir die Hafenausfahrt passiert, regte sich ein laues Lüfterl, was uns sofort dazu bewog die Segel zu setzten. „Vollzeug“… . „Schau ma moi wos geht“.

Sechs bis sieben Knoten Wind und unsere Salona machte vier Knoten Fahrt. Na das war doch was. Das Boot hatte schon einige Jahre auf den Buckel, was nicht zu verbergen war. Optisch waren schon sehr schwere Mängel erkennbar. Technisch jedoch, war das Boot sehr gut ausgestattet. Ein beinahe neues Lattengroß brachte schon einigen Vortrieb und das Vorsegel – zwar schon einige Male geflickt – war im Großen und Ganzen auch in Ordnung. Kein besonderer Komfort an Bord, aber zu Dritt durchaus erträglich. So kamen wir einige Stunden ganz gut voran und hatten gute Aussichten unser Tagesziel zeitgerecht zu erreichen.

Vorbei an Ciovo ließen wir das wunderschöne Panorama von Split achteraus und steuerten auf die Meerenge zwischen den Inseln Solta und Brac zu. Kaum hatten wir die Meerenge passiert, war auch der Wind Geschichte. Kaum ein Lüfterl regte sich mehr.

An den an brüchiges Leder erinnernden, ausgetrockneten Gesichtern des Skippers und der Crew, konnte man bereits erkennen, dass es auch schon höchste Zeit für ein Manöver war. So blitzartig wie die Segel geborgen wurden und der Mann am Rohr seine bevorzugte Stellung beim Manöverschluck genießen konnte, war schon eine einzigartige Leistung, die im gesamten Törnverlauf nicht mehr zu toppen war.

Unter Motorkraft, bei absolut ruhiger See, konnte ich auch gleich beginnen unser Abendessen oder besser gesagt unser Törnessen vorzubereiten. Das Schicksal hat es gut mit mir gemeint. Ein Essen für alle Tage. Es gab Geselchtes. Über drei Kilo! Für jeden ein Kilo. Das musste reichen für eine Woche. Abwechslungsreich mit Kraut und Knödel.

Und was man da alles zubereiten konnte:

Geselchtes mit Kraut und Knödel,

Sauerkraut mit Speck,

geröstete Knödel,

Fleischknödel,

Knödel mit Ei,

Ham an Eggs,

Tiroler Gröstel oder eine Brettljause und

zu guter Letzt konnte so ein Knödel auch als Schmankerl zwischendurch verschlungen werden, um möglicherweise ausufernde Manöverschlucke zu unterlegen.

Der Fantasie waren also keine Grenzen gesetzt. Und das mit nur einmal kochen! Ich war begeistert!

Gemütlich glitten wir unter Motor dahin, als schemenhaft die Insel Hvar mit der dahinterliegenden Inselgruppe Paklinski Otoci am dunstigen Horizont erkennbar wurde. Eine kleine Insel südlich dieser Inselgruppe Dobri Otoc, „Gute Insel“, war unser Ziel. Dort wollten wir nach einer gemeinsamen Flaggenparade unserem unvergessenen Wolfgang gedenken und die Nacht mit ihm verbringen. Nicht jeder kannte Wolfgang. Er war viel zu früh verstorben. Seinen sechzigsten Geburtstag hätte er dieses Jahr gefeiert, was auch den Anlass für unsere gemeinsame Fahrt darstellte. Wolfgang war so zu sagen der Urvater der Seglergemeinschaft wie sie heute besteht. Er animierte die ersten Kollegen – die bis dahin wenig bis nichts mit Segeln am Hut hatten – Teil zu haben, an den Schönheiten der Natur, des Meeres, der Inselwelt Kroatiens und nicht zuletzt der Erlebniswelt des Neusiedlersees, der bislang – quasi vor der Haustüre – ein unbeachtetes Dasein fristete. Er war Mentor, Freund und Vorbild für viele, die damals den Grundstein zur heutigen Sektion im Polizeisportverein Burgenland legten und ist es heute noch. Daran soll sein Gedenkstein auf Dobri Otoc in alle Ewigkeit erinnern.

Als wir eintrafen lagen bereits vier Yachten im Paket zusammengeschnürt und mit Landfesten gesichert vor Anker. Quala Solta, eine kleine Bucht auf Dobri Otoc ist vor allen Winden gut geschützt und bietet einen guten Ankergrund. Da mein Werken als Smutje ja bereits erledigt war, wurde ich kurzerhand zur Durchführung des Ankermanövers abkommandiert. Nema Problema, für eine altgediente, erfahrene Crew…  Der erste Versuch war einmal nichts. Wassertiefe falsch eingeschätzt, Anker zu langsam gefallen, Anker hielt nicht. Beim zweiten Anlauf hielt der Anker bombenfest…; wenn da nicht das Problem mit den Festmachern gewesen wäre: nimmst du meine Leine? nehm ich deine Leine? nemma beide Leinen? nemma keine Leine? gibst du mir, nehm ich dir, schmeiß rüber, fang auf…

Und unsere Gorki trieb langsam aber sicher nach Steuerbord ab… . Wäre da nicht Berthold, der Retter in der Not gewesen. Er, der gerade nach dem Ausbringen einer Landfeste auf dem Rückweg zu seinem Boot war, sollte mit einem Festmacher zu uns herüberschwimmen, anhand dessen wir am Paket festmachen könnten. Theoretisch kein Problem…  Berthold übernahm das Ende der etwa vierzig Meter langen Leine und versuchte schwimmend unser Boot zu erreichen. So wie er näher kam, trieb aber auch unser Boot ab und die beinahe armdicke Trosse die er durchs Wasser schleppte wurde immer länger und damit schwerer. Verzweifelt versuchte er sein Schwimmtempo zu erhöhen, doch durch das Gewicht des Festmachers kam er keinen Millimeter vorwärts. Die Anstrengung war Berthold ins Gesicht geschrieben… „Abbruch! Abbruch! Abbruch!“ „Wir nehmen den Motor“. Erleichterung in Bertholds Augen, warum nicht gleich?  Na ja… vielleicht die vielen Manöver…?!

Irgendwann gelang es uns dann doch an der Lara festzumachen und uns mit einer Landfeste – die wir vorzugsweise mit dem Beiboot ausbrachten – zu sichern. Das Aufpumpen des Beiboots entpuppte sich jedoch für unseren Skipper als Sisyphusarbeit.  Versuchte er doch verzweifelt den Schlauch voll zu kriegen, indem er bei geöffnetem Auslassventil Luft hineinpumpen wollte. Er würde heute noch pumpen, wenn seine Crew nicht eingegriffen hätte. Umso mehr hatte er dann Spaß daran, mit Vollgas durch die ruhige Bucht zu düsen.

Nun waren wir guter Dinge und harrten was nun auf uns zukommen würde.

Unser Flottenadmiral Hans-Peter erschien persönlich mit seinem Adjutanten und überbrachte uns die Flottengeschenke. Nach Dank und Anerkennung, Händedruck, Crew T-Shirt, Clubstander und einer ergreifenden Ansprache ließen sich die Beiden fürstlich bewirten. Sie ließen es sich nicht nehmen, dies daselbst und höchstpersönlich auf jedem Schiff vorzunehmen, was eine erfahrene Amtsperson wie ich (auch im zivilen Leben) sofort erkennen konnte.

Möglicherweise war auch dies der Grund, dass es mit der Durchführung der anschließenden Flaggenparade einige Anläufe brauchte, bis Schmidi erhobenen Hauptes feierlich gemäß Marinediensvorschrift 161/1, den Präsentiermarsch in seine Taschentrompete blasen konnte.

Stolz sollte nun der Clubstander unter der Backbordsaling wehen. Doch was war das? Ein unansehliches Knäuel aus Clubstander, Nationale und Flagge der Charterfirma hing erbärmlich knapp unter der Backbordsaling und ließ sich weder rauf noch runter bewegen. Jedes Schiff vertritt die Flagge, die es fährt. Es ist so zu führen, dass es das Ansehen seiner Flagge und damit seines Landes oder Verbandes nicht schädigt. Der Stander eines Segelclubs verpflichtet ebenfalls. Arme Gorki…

So nach und nach begaben sich die Crew`s der einzelnen Yachten an Land, um unserem Wolfgang die versprochene Ehre zu erweisen. Kein einfaches Unterfangen im Gewirr der nicht ungefährlichen steilen Klippen, den Weg zum Gedenkstein zu finden. So dauerte es schon eine Weile, bis sich alle vor dem Gedenkstein einfanden. Es wurde bereits Dunkel und das von Hans-Peter entzündete Grablicht verbreitete eine nachdenkliche Stimmung in der Runde. Einfühlsame Worte der Erinnerung vermochten den Geist Wolfgang`s für einen kurzen Augenblick ins Leben zurückzurufen, bevor sich die vertrauten Klänge des Kameraden mit den versinkenden Lichtern des Abendrots am Horizont vereinten und in der Ferne verhallten. For auld lang syne…, der alten Zeiten wegen, durchbrach die anschließende Stille. Und obwohl ich selbst Wolfgang nicht mehr kennen lernen durfte, verspürte ich unendliche Trauer in mir. Ein letzter Trost auf Wolfang, bevor wir uns verabschiedeten und ruhig und besonnen auf unsere Schiffe zurückkehrten.

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