Tag 4: Smokcvica – Brna auf Korcula

Ein ruhiger, sonniger Morgen war zu erwarten. Und doch sorgte schon ein zartes Lüfterl aus Ost für höchste Aufregung im engen Fahrwasser der Marina. Die ersten Yachten machten sich zum Auslaufen bereit, als sich der Skipper einer uns gegenüberliegenden Yacht mit aufheulendem Motor in die Ankergeschirre der neben ihm liegenden Yachten bohrte. Anfänglich schien es, dass er ganz gut mit dem wenigen Platz zwischen den Booten zurechtkam. Als ihm jedoch der Wind den Bug in Richtung der festliegenden Yachten verblies, geriet er in Panik und räumte mit Vollgas die Ankergeschirre mehrerer Boote ab. Es schien ihn jedoch wenig zu kümmern, da er flugs das Weite suchte und auf nimmer wiedersehen verschwand. So kamen wir während des Frühstücks noch in den zweifelhaften Genuss von so manchem interessanten Hafenkino.

Duschen, bunkern und ab durch die Mitte, war das Gebot der Stunde. Wer weis was da noch an Schaden verursacht werden würde.

Heiß brannte die Sonne vom Himmel. Die See war ruhig und ein Hauch von Wind brachte unsere Gorki auf fast vier Knoten. Vorbei an Weinbergen, Olivenhainen und einsamen Buchten segelten wir nach Westen, entlang der Südküste Korculas. Abkühlung fanden wir bei einem Badestopp in der Bucht Pavja Luka. Ein kleiner paradiesischer Strand, umgeben von Weinbergen, alten Olivenbäumen und Pinien. Wir lagen noch einige Stunden vor Anker und genossen die gleißende Sonne des frühen Nachmitttags, bei einer deftigen Jause und kühlen Getränken.

Smokvica im Inselbezirk Brna war unser Ziel. Eine kleine, vorwiegend von Landtouristen besuchte Ortschaft, in einer von Nord- und Südwinden gut geschützten Bucht. Wir hatten etwa zwei Drittel des Weges hinter uns gebracht, als sich der Wind vollend`s verabschiedete und damit Maschinenfahrt unumgänglich wurde. Vorbei an riesigen Flächen toten Waldes, der als Folge der vor kurzem heftig wütenden Brände, die Landschaft in eine unwirkliche, gespenstig wirkende Wüste verwandelt hatte, näherten wir uns langsam der Hafeneinfahrt. Die bereits untergehende Sonne tauchte die Häuser in ein leuchtendes orangefärbiges Licht, als wären die Brände der vergangenen Tage noch immer nicht erloschen. Die abendliche Stille wurde nur durch das leise monotone Gurgeln unseres Motors gestört.

Doch plötzlich, wir waren kaum noch hundert Meter von der Pier entfernt, lautes Geschrei, tumultartiges Treiben an Bord einer bereits festliegenden Yacht. Hektisch hüpfte ein schmächtiges Männlein an der Hafenmauer hin und her, während sich ein mehrteiliger Kleiderschrank von einem Skipper nicht dazu bewegen ließ, seinen Liegeplatz um einige Meter zu verlegen. Nachdem das heftige Hin und Her kein Ende zu nehmen schien, löste der Kontrahent kurzerhand die Festmacher und zog das Boot selbst auf die seiner Meinung nach vorgesehene Stelle. Als wir unseren Anker ausgebracht und an der Pier festgemacht hatten, war unsere Überraschung nicht besonders groß, dass es sich bei den Kontrahenten um einen Skipper unserer Flotte und dem ortsansässigen Hafenmeister handelte, die sich nur schwer um die Position des vorgesehenen Liegeplatzes einigen konnten. Gottseidank lösten sich die Meinungsverschiedenheiten in Wohlgefallen auf und die restlichen Schiffe unserer Flotte fanden ausreichend Platz, um die Nacht an der sicheren Hafenmauer zu verbringen. Wie sicher, sollte sich im Laufe des Abends noch herausstellen.

Der Vollmond stand unmittelbar bevor. Die Tide hatte bereits beinahe ihren tiefsten Punkt erreicht und dementsprechend steil lag unsere Pasarella an der Pier. Es gestaltete sich zum wahren Abenteuer auf dem schmalen Holzbrett den Übertritt vom Boot auf die sichere Hafenmauer zu wagen. Bis dahin ging zwar alles gut aber ein Fehltritt wurde mit fortschreitender Stunde immer wahrscheinlicher.

Die Begrüßungsfanfare aus Schmidi`s Kindertrompete hatte sich erledigt und die Konoba „Zum kleinen Jakob“ war dank einer Empfehlung eines Einheimischen schnell gefunden. Somit stand einem köstlichen Abendmahl nichts mehr im Wege. Die Crew`s der Painkiller und der Lara hatten sich bereits eingefunden und für uns war auch schnell ein Plätzchen gefunden. Eine kühle Blonde servierte ein kühles Blondes mit sahnigem Häubchen, was für`s Erste Kehle und Seele erquickte. So nahm denn der Abend seinen unvermeidlichen Lauf. Hervorragenden Speisen folgten herrliche Weine und für wohlige Wärme in den verarbeitenden Organen, sorgte die brennende Schärfe der vorzüglichen Schnäpse. Dass dies nur der Anfang eines fantastischen Abends werden konnte, wurde mir klar, als ich die rötlich schimmernde Silhouette des hochschwangeren Mondes über die Hügelkette der Bucht emporklettern sah. Vollmond….nun war alles klar!

Von des Mondes Schein hell erleuchtendem Weges, begaben wir uns schweren Schrittes zurück in die sichere Kajüte unserer Gorki, um den fortgeschrittenen Abend mit einem Fläschen vom Feinsten abzuschließen. Genussvoll leerten wir Flasche um Flasche, bis dass sich die Zeit in einem undurchsichtigen Nebel verlor und die gesprochenen Worte in der Tiefe der Nacht verhallten…

Ich stand an Land. Der Mond schien unerbittlich vom pechschwarzen Himmel und erhellte die immer schmäler werdende Pasarella. Einen oder zwei Schritte nur, dann würde ich es geschafft haben. Einen halben Meter war ich wohl noch entfernt als ich vom Nachbarschiff warnende Rufe vernahm, während ich mich mit dem ausholenden Fuß in der Schlaufe einer schlampig aufgeschossenen Leine verhakte. Wie im Zeitraffer sah ich die Festmacherleinen des Nachbarschiffes auf mein Gesicht zukommen, als ich das Gleichgewicht verlor und mich kopfüber in Richtung Wasseroberfläche bewegte. Während ich versuchte mit den Händen die Festmacherleinen zu umklammern, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: “Ich geh jetzt baden“!

Ein kurzer heftiger Schlag gegen meinen Kopf und schon tauchte ich ein in die überraschend wohlige Wärme der adriatischen See. Das Wasser war glasklar und hell erleuchtet durch die Laternen am Rande der Pier. Schnell sank ich die im Hafenhandbuch beschriebenen fünf Meter hinab in die Tiefe und sah den glitzernden Luftbläschen nach, wie sie an der sich immer weiter entfernenden Wasseroberfläche verschwanden. Luft! Ich rang nach Luft… Plötzlich erfasste mich Panik. Ich ruderte wie wild in Richtung Wasseroberfläche. Schnell, ich musste sie erreichen bevor sich meine Lungen mit dem salzigen Element befüllen würden. Und dann die Erlösung. Mit einem tiefen Atemzug erwachte ich schweißgebadet auf der weich gepolsterten Bank im Salon. Ich war alleine und es war dunkel. Der Rest der Crew hielt bereits ein lautstarkes Stelldichein in ihren Kojen. Das konnte doch nicht sein. Ich durchlebe die schrecklichsten Abenteuer und die sägen Wälder um in ihren Kojen. Der Nebel hatte sich verzogen und in einiger Entfernung ließen sich die lieblichen Klänge aneinanderstoßender Gläser vernehmen, was mich dazu veranlasste der Sache auf den Grund zu gehen. Schließlich hatte ich ja soeben ein großartiges Abenteuer erlebt und einiges zu erzählen.

Schnell war die Quelle des nächtlichen Gläsergeläutes gefunden und die Crew auf der Andante hieß mich herzlich willkommen. Um aber auf das Schiff zu kommen, musste ich die Pasarella des Nachbarbootes nehmen um dann überzusetzten.

Ja, da war sie, die hell erleuchtete Pasarella, die ich soeben erst im Traum überschreiten wollte und gescheitert bin. Aber nein, das konnte nicht sein, was bin ich doch für ein Idiot. Es war doch bloß ein Traum. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und flugs saß ich auf der Andante bei einem Gin-Tonic, den mir Manfred bereits vorbereitet hatte. Manfred bereitete mir im Laufe des nachmitternächtlichen Abends noch den einen oder anderen Gin (glaublich mit Tonic), wodurch sich der soeben erst verzogenen Nebel abermals verdichtete. Von meinem Abenteuer zu berichten, fand ich mich aufgrund gewisser Umstände dann nicht mehr in der Lage.

Am nächsten Morgen war mir dunkel in Erinnerung, dass sehr wohl jemand beim Versuch an Bord zu kommen ins Wasser gefallen war. Da war die Rede von „Er hätte sich das Genick an den Festmachern brechen können“; „Er wäre fast ertrunken“; „Gottseidank haben wir ihn rausziehen können“; „Dabei hat er doch gar nichts getrunken“.

War doch was passiert oder hatte ich auch das nur geträumt? Nasse Kleider hingen keine herum…  Mein Kopf sagte mir, dass zumindest der Gin echt war, den mir Manfred eingeschenkt hatte. Ob Tonic auch dabei war, wissen die Götter. Eine beinahe Vollmondnacht eben…!  Was genau geschah? Wir werden die Wahrheit nie erfahren.

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