Tag 7: Heimathafen Kastela

Noch ehe die schweren Seemannslieder der Crew des Nachbarschiffes verstummtem, fiel ich in einen tiefen traumlosen Schlaf. Es wurde es eine verdammt kurze Nacht.

Die Nachwehen der vorabendlichen Völlerei waren noch deutlich zu spüren, als sich mit lautem Getöse die ratternde Ankerkette hob. Kaum hatte die Sonne das Tageslicht erzwungen, stand unser Skipper auch schon am Ruder und lies den Anker lichten. Keine Minute zu früh wie sich herausstellen sollte.

Die Überfahrt nach Split gestaltete sich wenig spektakulär.  Größtenteils am Steuer, kämpfte ich anfänglich gegen die Nachwirkungen des vergangenen Abends, um sodann in einen tranceähnlichen Zustand zu gelangen, der einer Art Wachkoma entsprach. Über dem Festland waren erste dunkle Wolkenbänke zu erkennen, die sich bedrohlich über dem Karstgebirge auftürmten.  Mit der Bora ist nicht zu spaßen. Mit bis zu 250 km/h stürzen die eisigen Luftmassen über die Hänge des Gebirges Richtung Meer. Und das geht blitzartig.

Schon 1856 bemerkte Karl Marx über die Bora: „Die Bora, der große Störenfried dieses Meeres, erhebt sich stets ohne das kleinste Warnungszeichen; mit der Gewalt eines Tornados überfällt sie die Seeleute und gestattet nur dem Kühnsten, auf Deck zu bleiben. Manchmal tobt sie wochenlang und am heftigsten zwischen der Bucht von Cattaro und dem Südende von Istrien. Der Dalmatiner aber ist von Kindheit an gewöhnt, ihr zu trotzen, er wird hart unter ihrem Atem und verachtet die armseligen Winde anderer Meere.“ (Karl Marx: Der Seehandel Österreichs. In: Marx-Engels-Werke. Band 12. Dietz, Berlin (Ost) 1961, S. 88–94, hier S. 91).

Diese Härte würde uns natürlich fehlen und wir taten gut daran unseren Hafen so schnell wie möglich zu erreichen.

Nichtsdestotrotz kamen wir sicher und wohlbehalten als einer der Ersten an der Tankstelle in Split an. Lediglich drei Boote – darunter die Painkiller – waren abzuwarten, bis wir unseren Diesel wieder auffüllen konnten.  Der Rest war ein Kinderspiel. Und so wie Kinder spielen, so gedankenlos trieb auch die grüne Tonne zur Einfahrt nach Kastela an der Backbordseite der Gorki vorbei, während ich am Steuer verzweifelt versuchte, die Einzelgefahrentonne die im Navionics eingetragen war, zu erblicken. Was hat die sich nur dabei gedacht die blöde Tonne. Gottseidank ein Fehler ohne Folgen, der den Skipper zur Frage veranlasste:  „Sollte die Boje nicht an der Steuerbordseite liegen?“ Und wie er recht hatte, ich konnte direkt spüren wie ich rot anlief und vor Verlegenheit zu stammeln begann: „Welche Tonne denn?“.  Ich hatte zwar gesehen, dass die Wassertiefe ausreicht, aber dennoch ist so ein „Abschneider“ nicht zu akzeptieren.

Am frühen Nachmittag erreichten wir die Marina Kastela, wo bereits hektische Nervosität bemerkbar war.  Die Burschen von der Marina achteten besonders auf die Versorgung der Boote. Sie prüften sämtliche Festmacher und Muringleinen auf sicheren Halt. Die Verzurrung der Beiboote wurde überprüft und zusätzliche Fender ausgebracht.

So gesichert waren wir froh, noch vor Eintreffen des Schlechtwetters, in den Hafen gekommen zu sein und konnten guten Gewissens die Einladung zu Rohschinken und Wein auf unser Nachbarschiff – die Painkiller – annehmen.  Schnell entwickelte sich dort ein gemütliches Beisammensein, was uns den unmittelbar bevorstehenden Wetterumschwung total vergessen ließ. Hurtig füllten sich die Gläser mit vorzüglichen Getränken die ebenso schnell wieder geleert worden sind.

Plötzlich wurde es laut. Mit unheimlichen Getöse brach die schreckliche Bora über uns herein. Dicke Regentropfen klatschen auf Deck und der eiskalte Wind fegte beinahe Gläser vom Tisch. Der Himmel verfinsterte sich und es ging los. Alles was nicht niet- und nagelfest verzurrt war, suchte das Weite. Die Wanten begannen schrill zu heulen und die Fallen schlugen so heftig gegen die Masten, dass man kaum das eigene Wort verstehen konnte. Die Masten der Yachten neigten sich derart in den heftigen Böen, dass man meinen konnte jetzt und jetzt knallen sie im Top aneinander oder verhaken sich mit den Salingen in den Wanten. Dem gemütlichen Umtrunk an Bord der Painkiller wurde somit ein jähes Ende gesetzt und wir flüchteten in Panik auf unsere Gorki, die stark im Wind schaukelte. Das heftige Hin und Her des Schiffes und das ohrenbetäubende Heulen des Windes war unter Deck kaum auszuhalten, weshalb wir noch einmal alle Festmacher überprüften und uns in das nahe Marinabeisl aufmachten. Dort suchten wir uns einen einigermaßen Windstillen Platz mit guten Blick auf das Hafenbecken und genossen Hafenkino vom Feinsten bei gut gekühlten Getränken.

Die Yachten durften nicht mehr selbständig in die Marina einlaufen. Sie mussten draußen in sicherem Abstand von der Mole zuwarten, bis sie von einem Schlauchboot mit einem zusätzlichen Skipper abgeholt wurden.  Und der hatte was drauf.  Mit hoher Geschwindigkeit kamen die Boote in die Boxengasse, um sich im letzten Moment vor der Mole querzustellen. Von dort wurden die Yachten unter Mithilfe von zwei Schlauchbooten in die Boxen bugsiert. Es war ein routiniertes, perfektes Zusammenspiel der Burschen und Mädchen von der Marina, bei dem jeder Handgriff saß.

So verging die Zeit wie im Flug und die Finsternis der hereinbrechenden Nacht war bereits erheblich fortgeschritten, als wir uns aufmachten in der bereits bekannten Pizzeria von Mate, unser Abendessen zu uns zu nehmen.

Der Sturm wütete noch bis lange nach Mitternacht und der unsägliche Lärm den die schlagenden Fallen im Verbund mit den heulenden Wanten verursachten, ließen kaum einen erholsamen Schlaf erwarten. Das war auch der Grund warum wir bis zur Sperrstunde die Gunst der Stunde nützten und uns in Mates Pizzeria, nach vortrefflichem Mahl, bei gebrannten Köstlichkeiten, die Erlebnisse der letzten Tage in Erinnerung riefen. So kam auch die eine oder andere Anekdote ans Tageslicht, die mich schlussendlich dazu bewogen, diese Zeilen hier niederzuschreiben.

Trotz eines relativ gesättigten Spiegels, den ich mir während der Stunden in Mates Pizzeria angeeignet hatte, fand ich keinen richtig erholsamen Schlaf in meiner Koje. Der Lärm war unerträglich und die Lagewechsel der Yacht waren so heftig, dass ich Mühe hatte mich festzuklammern, um nicht ständig von einer Seite zur anderen zu rollen.