Kapitel 1 Abflug und Horror-Hotel

Nach einer aufregenden Fahrt, mit einem Kleinbus der Wiener Stadtwerke, kamen wir zeitgerecht am Flughafen an. Da wir schon beim Einchecken erfuhren, dass unsere Maschine eine Stunde Verspätung hatte, wurde die Zeit für zollfreien Einkauf und Bierkonsumation genützt. Die Preise im Flughafenrestaurant waren nicht ohne, zumal trübes, schlechtes Bier ausgeschenkt wurde. Um sechzehn Uhr, zehn Minuten, war es dann endlich so weit. Mit einer klapprigen, desolaten Maschine der Olympic Airways, hoben wir mit pünktlicher Verspätung ab. Die Maschine ächzte und krachte. Sie drohte aus allen Nähten zu platzen. Ich hatte meinen Platz unmittelbar hinter dem Tragwerk und konnte dadurch das Innenleben der Steuerung beobachten. Die Stabilisatoren wackelten, als hätte man einige Schrauben vergessen. Ansonsten war es ein super Flug, mit herrlichem Wetter und ausgezeichneter Sicht. Es mochte wohl ein Slalom zwischen Wien und Athen gesteckt gewesen sein, denn der Pilot flog Links- und Rechtsschleifen, dass sich einem der Magen hob.

Dann war es da gewesen, dieses Athen, welches ich mir so viel anders vorgestellt hatte. Ruinen, Tempeln und die Akropolis hatte ich in meinem Gedächtnis verankert. Nackte, keulenschwingende Athleten in den Arenen, welche vor tausenden Menschen überquellen. Nichts von alldem war zu sehen. Viel mehr empfing uns eine enttäuschend dreckige Stadt, in der es außer stinkender Autos, lärmender Mopeds und die Ölpest verbreitender Schiffe nur noch müllhaldenähnlich verschmutzte Strände gab.

Sofort nach der Landung wurde mir klar, dass wir im Süden waren. Der heimatliche Stress, das überall zu bestimmten Zeiten Anwesend sein, die Wichtigkeit mit der wir Belanglosigkeiten behandeln, fielen wie Schuppen von mir ab. Es begann sich sofort ein gewisses Gefühl des Treibenlassens in mir auszubreiten. Als sei es eine wunderbare südländische Krankheit, die jeden gestressten, aus dem Norden stammenden Touristen sofort befällt.

Der Koloss von Rhodos, dies mag wohl der Riese sein, der einst in Stein gehauen die Hafeneinfahrt vor unliebsamen Gästen schützte. An diesen jedenfalls dachte ich, als ich Dieter sah. Jenen Reiseleiter, der vorgab uns das billigste Zimmer von Athen verschafft zu haben. Der, nachdem er uns zu einem Begrüßungstrunk eingeladen hatte, vorgab, uns sicher, wenn nicht heute, sodann morgen, übermorgen oder irgendwann einmal, ganz groß auszuführen. Natürlich würde alle Rechnungen er bezahlen. Nur die Frauen, welche er ebenfalls besorgen wollte, müssten wir selbst bezahlen. Er lebe schon Jahre so dahin und pendle stets per Flugapparat zwischen Athen und Rhodos, um seine Touristen zu betreuen. Natürlich nehme er, mit seinem stolzen Lebendgewicht von mindestens einhundertfünfzig Kilo und bei einer Größe von rund zwei Metern, nur mit dem Zartesten vom Zarten, des weiblichen Geschlechtes vorlieb. Er könne sich nicht mit dem Anblick der einheimischen Olivenärsche, wie er die durchaus hübschen Griechinnen bezeichnete, anfreunden. Er mag Eindruck gemacht haben, als er mit seinem Audi einhundert, welcher im Größenverhältnis zu ihm wie ein Matchboxauto wirkte, am Flughafen vorgefahren ist, um uns zu unserem Hotel zu bringen. Spätestens als ich das Hotel sah, wurde mir alles klar und ich wusste was ich von Dieter halten sollte. Ein Schwätzer und Geschäftemacher, der reden konnte wie ein Wasserfall und lügen, dass sich die Bäume bogen. Ich hätte wenigstens sein Angebot, doch seine Harpune leihweise mitzunehmen – er hatte sie angeblich im Auto – annehmen sollen. Doch hätte Dieter sicherlich eine gewichtige Ausrede parat gehabt, diese dann doch nicht herauszurücken. Jedenfalls haben wir von Dieter nie mehr etwas gehört oder gesehen.

Es war dann auch die Nacht entsprechend des Hotelpreises. Hotel Albatros, so nannte sich das Gebäude in dem ich nach wirklich gutem Abendessen eine schlaflose Nacht verbrachte. Albatros, so nennt man doch auch den riesigen Wasservogel, welcher majestätisch über dem Meere kreist. 0der hat man das Hotel nach den riesigen Blechvögel benannt, die unmittelbar vor dem Hotelzimmer die Kurve kratzten?

Keine fünfhundert Meter war der Flughafen entfernt und in der Kanzel der abfliegenden Flugzeuge waren die verbitterten Gesichtszüge der Piloten zu erkennen, die verzweifelt versuchten, das tonnenschwere Fluggerät von unserem Hotel fernzuhalten. Alle drei bis fünf Minuten startete ein Flugzeug. Die Triebwerke erzeugten höllischen Lärm und an Schlaf war nicht zu denken. Ich teilte mit Gernot ein Zimmer. Dieser jedoch hatte im Tiefschlaf gelegen. Selbst wenn eine Maschine durch das Zimmer geflogen wäre, so hätte er es sicher nicht bemerkt. Das Zimmer selbst war üppig ausgestattet und es fehlte an keinem Komfort. Sogar ein Radio war im Nachtkästchen eingebaut. Doch es funktionierte leider nicht. Öffnete man die Nachtkästchenlade, so konnte man das Innenleben des Radios beobachten. Es bestand lediglich aus einigen Transistoren, einem Lautsprecher und einem Ein- und Ausschalter. Aus diesem Gerät war wahrscheinlich noch nie ein Ton gedrungen. Und wenn, so wurde er vom Lärm einer soeben abdrehenden Flugmaschine übertönt. Ich atmete auf, als gegen zwei Uhr morgens endlich der Flugverkehr eingestellt wurde. Sanft entschlummerte ich dem Morgen entgegen.

Kapitel 2

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