Kapitel 10: Abschied von Rita, Luft anhalten die Zweite und Flucht aus dem Hafen

Am nächsten Tag schliefen wir bis weit in den Vormittag hinein. Die Hitze des Tages hatte uns geweckt. Ein wunderbarer Tag. Heiß brannte die Sonne an Deck. Wir begannen den Tag mit Proviant und Wasser bunkern und entschlossen uns anschließend zu einem Rundgang in der Altstadt. Gernot war an Bord geblieben, da es ihm die überschwänglichen Exzesse des Vortages unmöglich machten das Bordklosett zu verlassen. So war er mehr oder weniger gezwungen große Wäsche zu machen und uns alleine ziehen zu lassen. Per Taxi fuhren wir in die auf einer Anhöhe gelegene Altstadt. Auf dem Gipfel des Berges befand sich ein Kloster, welches wir aufsuchen wollten. Wieder ein Kuriosum das bei uns gänzlich unmöglich wäre, war die Taxifahrt in die Altstadt. Als wir am Zielpunkt dem Taxifahrer klarmachten, dass er uns um vierzehn Uhr an derselben Stelle abholen sollte und wir den Fuhrlohn begleichen wollten, winkte dieser entschlossen ab. Er meinte wir sollten die Fahrt erst am Nachmittag bezahlen, wenn er uns zum Hafen zurückgebracht hätte. Da würden wir genügend Zeit haben die Rechnung zu begleichen, meinte er und wünschte uns einen schönen Tag. Mich überraschte das selbstverständliche Vertrauen der Einheimischen schon gar nicht mehr, das sie uns entgegenbrachten. Nach der mühsamen Besteigung des Klosterberges wurde uns dann mitgeteilt, dass wir wohl außer der wunderschönen Aussicht über die Hafenstadt nichts besichtigen konnten. Der Eintritt ins Kloster wurde uns wegen der kurzen Hosen verwehrt. Als Mani trotzdem einen Versuch wagte, wurde er energisch abgewiesen, um nicht zu sagen mit Schimpf und Schande verjagt. Es blieb uns dann nichts anderes übrig, als die dem Kloster zu Füßen gelegene Altstadt zu besichtigen. Ob dies im Sinne des Evangelisten Johannes war, der hinter diesen Mauern seine Offenbarung zu Papier gebracht hatte, sei dahin gestellt. Nun, auch die Gasthäuser der Altstadt hatten ihre Reize und luden zu mancher Köstlichkeit.

Das Taxi war pünktlich um vierzehn Uhr gestellt. Zwar war es nicht jenes, dessen Lenker wir Geld schuldeten, doch wir konnten auch bei diesem die Rechnung begleichen. Bei uns zu Hause würde in so einem Fall der Fahrgast, überglücklich den Taxilenker prellen zu können, fluchtartig das Weite suchen und nie mehr gesehen werden. Es kam dann noch zu herzzerreißenden Abschiedsszenen an der Mole, mit Rita und Fleming. Beide hatten sich frühmorgens vor unserer Paladia eingefunden um nochmals ihren Dank auszudrücken, für die unvergesslichen Stunden an Bord. Fleming schien sich nicht mehr recht an die Ereignisse des Vorabends erinnern zu können, denn er war überglücklich uns zu sehen. Er wäre am liebsten an Bord geblieben, auch wenn ihm Günther nicht in die Augen schauen konnte. Vermutlich hatte er von Rita noch einige Rüge bekommen, weil er sie alleine nach Hause gehen ließ. Es wurden Adressen ausgetauscht und man versprach sich wiederzusehen, sich zu schreiben und schwor sich ewige Treue. Natürlich musste dieses sofort begossen werden und es dauerte keine fünf Minuten bis der vorabendliche Zustand wieder hergestellt war. Tränen mussten fließen, bis dass sie endlich von uns Abschied nahmen und sich auf ihr Schiff begaben, welches sie einem neuen Urlaubsabenteuer entgegensteuerte.

 

Wir stachen gegen fünfzehn Uhr in See. Erstmals konnten wir die Zeit an Deck in der Badehose verbringen. Es war windstill und die See glatt wie ein Bügelbrett. Wir motorten Leros entgegen. Bevor wir Leros erreichen konnten, veranlasste uns die drückende Hitze, eine kleine Bucht zum Baden aufzusuchen. Eine kleine liebliche Bucht, mit steil abfallenden Felswänden, welche zum Betauchen einluden. Mani schloss sich mir an. Gemeinsam begaben wir uns mit Neopren, Schnorchel und Maske in die Tiefe der Bucht. Das Wasser hatte sich hier schon sehr erwärmt, was den Ausflug nur verschönte. Jede Menge Fische waren in der kleinen Bucht vorhanden. In Ufernähe sah man richtige Fischschwärme, welche den felsigen Absturz bevölkerten. Kleine und größere Höhlen in den Felswänden bargen wahre Schätze an Krebsen und Kleingetier. In der Bucht ausgelegte Netze waren voll von zappelnden Fischen, welche um ihr Leben kämpfend qualvoll verendeten. Mani stellte sich nicht schlecht an, zumal das sein erster Tauchversuch war. Er hatte einige Schwierigkeiten mit dem Abtauchen, da ihm der Bleigurt fehlte und sein Surfanzug doch einiges an Auftrieb hatte. War er erst einmal unten, so gab es keine Probleme, auch nicht mit dem Druckausgleich. Die Unterwasserwelt nahm ihn sofort gefangen und er wollte gar nicht mehr aufhören zu schnorcheln. Ich machte einige gelungene Unterwasseraufnahmen um den Ausflug festzuhalten. Wunderbar, die Farbenpracht die sich uns in geringer Tiefe bot. Die Fische, die uns bestaunten, als wüssten sie dass wir nicht in ihre Welt gehörten. In größeren Tiefen zeigten sich verschiedenartigste Korallen und Schwämme in fahlem Blau. Das Meer schien wie ausgewechselt seit ich vor der Insel Rinia im Wasser war. War es damals kalt und trostlos, so schien es mir nun wie ein wahres Südseeparadies, das sich unter Wasser bot. In den tieferen Schichten war das Wasser sehr kalt, doch durch das ständige Auftauchen zur warmen Oberfläche, konnte man es schon eine gute Stunde im Wasser aushalten. So wurde der Nachmittag zu einem wundervollen Erlebnis im Meer, an welches ich heute noch mit entzücken zurückdenke. Als ich wieder an Bord kam, hatten Ossi und Poldi bereits eine kräftige Jause mit heißem Tee gerichtet. Wir nutzten gleich die Gelegenheit um unseren nicht besonders wohlriechenden Körpern, eine Generalreinigung zukommen zu lassen. Wir machten klar Schiff und lichteten gegen neunzehn Uhr den Anker um den Hafen Ornos Panteli anzulaufen.

Ornos Panteli, ein kleines Fischerdorf auf Leros, hatte kaum Platz für unsere Yacht. Es gab nur eine schützende Steinmole an der wir festmachten. Mit unserem Beiboot richteten wir eine Seilfähre ein und konnten so beliebig oft zum Ufer übersetzen. In einem Winkel des Hafens entdeckten wir ein in Fischernetze eingewickeltes Flugzeugwrack aus dem zweiten Weltkrieg. Es hatte sich in den Schleppnetzen der Fischer verfangen und war von ihnen aufs Land gezerrt worden. Rundherum standen Schaulustige und bestaunten das Monstrum. Einige Kinder zerrten Tintenfische aus dem noch triefenden Flugzeugrumpf hervor. Sie freuten sich über die Beute und verkauften sie sofort im nächsten Restaurant. Vermutlich handelte es sich um ein deutsches Kampfflugzeug, das abgeschossen ins Meer gestürzt und versunken war. Was für die Kinder eine willkommene Abwechslung, war für die Fischer ein verheerender Schaden, da die riesigen Netze in denen sich das Wrack verfangen hatte, bis zur Unbrauchbarkeit gerissen waren. Nicht nur, dass der Fang gleich Null war, es waren auch die Netze weg. Vielleicht war dies mit ein Grund, dass wir beim Abendessen diesmal gründlich daneben griffen. Wir landeten in einem Gasthaus, in welchen man mit einem derartigen Ansturm von Hungrigen nicht gerechnet hatte. Man versprach uns jedoch alles Erdenkliche zu unternehmen, um unsere hungrigen Mägen zu füllen. So wurden wir zu wahren Müllschluckern umfunktioniert. Ein Stück Fisch da, etwas Fleisch dort, einige Nudeln, kaum ein halbes Teller Suppe und Reste von Pommes. Ein bisschen Schaf, ein bisschen Rind, ein wenig Schwein, so versuchte man uns satt zu kriegen. Natürlich wollten wir die Bemühungen der Wirtin nicht herabwürdigen und wir aßen mit gemischten Gefühlen die vorgesetzten Köstlichkeiten. Schließlich wurden wir im Laufe des Abends doch noch satt und trösteten uns damit, dass es zwar nicht das beste Abendessen war, wir aber nirgends so billig gegessen hatten. Der Großteil der Mannschaft war vom Vortag in Patmos noch ein wenig angeschlagen, deshalb schien die Gesellschaft ziemlich schnell auseinander zu fallen. Ich tat mich also mit Gernot und Fritzi zusammen und wir besuchten eine nahe Bar. Eine riesige leere Disco war es, die uns veranlasste einige flotte Tequillas zu uns zu nehmen. Ehe wir uns versahen war es drei Uhr früh geworden und unser Zustand dementsprechend. So beiläufig erwähnte Gernot, dass es offenbar wieder Schlechtwetter geben dürfte, da die Gebüsche vor der Bar heftig zu Tanzen begannen. Vorerst beachtete ich diesen Umstand kaum, erst als wir zum Schiff aufbrachen wurde mir bewusst, dass sich ein Sturm anbahnte. Wir beeilten uns an Bord zu kommen. Es konnte einige Schwierigkeiten geben, da das Schiff sehr nahe an der Steinmole lag und schon beim geringsten Sturm an den Felsen Zerschellen konnte. Keine Sekunde zu früh kamen wir zum Schiff. Es war bereits gefährlich nahe an die Felsen herangetrieben. Die schlafende Mannschaft hatte nichts bemerkt. Wir hatten einige Schwierigkeiten an Bord zu gelangen, da irgend ein netter Mitsegler, das Beiboot direkt an der Yacht befestigt hatte, anstatt eine Leine am Ufer zu befestigen die mit dem Beiboot verbunden gewesen wäre. Wir hätten so das Beiboot leicht zum Ufer ziehen können, um ohne Schwierigkeiten einzusteigen. So gesehen war es gut, dass die Yacht zur Steinmole getrieben worden war und wir nur deshalb mit ein wenig Glück das Beiboot erreichen konnten. Das Meer zeigte sich schon sehr bedrohlich und die Wellen kamen schon in ganz beachtlicher Höhe bei der Mole an. Unsere Paladia begann sich zu heben und zu senken, wie wir es noch von Siros in Erinnerung hatten. Mir wurde übel bei dem Gedanken dies noch einmal durchzumachen. Wir konnten uns nicht entschließen den Kapitän zu wecken. So zogen wir uns am Anker etwas von der Mole weg und gingen zu Bett. Mir fiel auf. dass nun das Großfall wieder regelmäßig zu schlagen begonnen hatte. Kaum hatte ich eingenickt, war der Teufel los. Ich hörte einige Stimmen an Deck und bemerkte das heftige Schaukeln des Schiffes. Wie von einer Tarantel gestochen fuhr ich hoch und stürzte an Deck. Oben standen Günther und Mani, der Sturm peitschte ihnen Salzwasser ins Gesicht. Alarm! Sofort waren alle an Deck. Das Schiff drohte an die Felsen zu prallen. Das Ruder berührte bereits den felsigen Grund und schien zu bersten, wenn nicht sofort Maßnahmen gesetzt worden wären. Anker und Leinen wurden bemannt. Jeder wusste seine Handgriffe zu tun. Keiner war im Augenblick der Not zu viel an Bord. Der Motor wurde angelassen und Mani stürzte sich unter Einsatz seines Lebens in das kleine Beiboot, um die Leinen am Ufer loszumachen. Es musste alles blitzschnell gehen. Leinen los und wieder ins Boot um die sofort abtreibende Paladia noch zu erreichen. Aus Leibeskräften zogen wir an der Bootsleine um Mani wieder an Bord zu bekommen. Die Wogen stürzten über das kleine. Schlauchboot herein und durchnässten Mani bis auf die Haut. Die Yacht stampfte meterhoch auf und ab und es bestand die Gefahr, dass Mani samt dem kleinen Boot von ihr erdrückt werden könnte. Mani versuchte krampfhaft die Bootsleiter zu fassen und sich hochzuziehen. Kaum hatte er es geschafft und sich festgeklammert bäumte sich das Schiff steil auf und riss ihm mit unvorstellbarer Wucht die Leiter aus der Hand. Mani stürzte wie vom Blitz getroffen ins Boot zurück und blieb benommen liegen. Auf der Leiter stehend bekamen wir Mani zu fassen und zerrten ihn an Bord. Der Ruf Anker geborgen ertönte vom Bug und Günther stellte den Motor auf Vollast. Unaufhaltsam pflügte sich unsere Paladia einen Weg durch die brausenden Wogen. Die Gischt der Wellen spritzte über Deck und durchnässte unsere Kleider. Wir waren wieder einmal davongekommen. Mani hatte das Abenteuer gut überstanden und bloß einen kleinen Schrecken abgekriegt. Das Beiboot wurde eingeholt und verstaut. Erst als der Morgen graute, setzten wir die Segel und kreuzten im Sturm, hart gegen den Wind.

Wieder einmal stellte sich die vertraute Seekrankheit ein. Diesmal hatte es Mani und Poldi schwer erwischt. Erstaunlicher Weise ging es mir verhältnismäßig gut. Der Schlaf drückte mich zwar ein wenig, aber dafür half mir die frische Brise über den Tag. An keinem anderen Tag erlebte ich eine See so wild und stürmisch wie an diesem. Grünschimmernde Wogen türmten sich wie Wände vor unserem Schiff, trugen uns hoch hinauf in luftige Höhen um uns sofort wieder in die Tiefe des Wellentals hinunter zu stürzen, wo man meinte, dass die das Schiff umgebenden Wände, über uns zusammenstürzen und uns verschlingen werden. Doch schon tauchte der Bug in die nächste heranrollende Woge und das eiskalte Wasser der aufstobenden Gischt riss uns jäh aus unseren Träumen. Da, ein Schatten im Wasser. Was war das? Narrten mich meine Sinne oder sah ich tatsächlich die Rückenfinne eines Fisches? Schon sprang er aus dem Wasser. Es waren Delphine, fünf oder sechs. Wie Pfeile schossen die herrlichen Tiere durch das glasklare Wasser. Kreuz und quer vor dem Bug des Schiffes, längsseits am Rumpf entlang, bald über und bald unter Wasser, schienen sie mit dem Boot spielen zu wollen. Mit der Rettungsleine in den Wanten hängend, den Fotoapparat schussbereit, freute ich mich über diese erstmalige Begegnung mit diesen intelligenten Meerestieren. Nie zuvor hatte ich Delphine gesehen und nun durfte ich sie gleich in freier Wildbahn, in ihrer natürlichen Umgebung erleben. Ich hatte das Gefühl, von den Tieren gesehen zu werden, denn immer wenn ich mich über der Reling aufbäumte kamen sie ganz nahe an das Schiff heran. Ich sah ihre Augen. Ich hatte nicht das Gefühl in die Augen eins Tieres zu sehen. Es war als ob sie einem zuzwinkerten und etwas sagen wollten. Als wollten sie mich auffordern mit ihnen zu spielen. Obwohl wir eine Fahrt von gut zehn Knoten machten zeigten uns die Delphine wie langsam wir eigentlich unterwegs waren. Mühelos zischten sie nach vor, kreuzten unseren Bug und verschwanden dann in der dunklen Tiefe des Meeres. Im nächsten Moment tauchten sie etwas weiter hinten wieder auf um uns in hohen Sprüngen wieder einzuholen. Es war herrlich dem Spiel der wundervollen Tiere zuzusehen. Eine gute Stunde begleiteten uns die Tiere und verschwanden dann ebenso plötzlich wie sie gekommen waren. Günther ging unter Deck und errechnete unsere Position, während Gernot am Steuer stand. Wir segelten soeben ziemlich nahe an einer kleinen Insel vorbei, als plötzlich von unten der Ruf ertönte „Sofort Kurs ändern, wir steuern auf eine Untiefe zu“. Und gleich darauf die Frage „Klar zur Wende?“ Wir saßen etwas verdattert da und begriffen nicht sofort. Verdutzt sahen wir uns gegenseitig fragend an. Keiner kam auch nur im Traum auf die Idee, dass unser Schiff hier auf eine Untiefe auflaufen könnte. So angenehm war der Anblick des langsam an uns vorbeiziehenden Eilandes. Der Anblick massiven, unbeweglichen Gesteins beruhigte die vom heftigen Auf und Ab des Meeres gepeinigte Seele. Den Blick stur auf die Insel geheftet, saßen wir halb in Trance an Deck und noch ehe wir richtig zu uns kamen stürzte Günther bereits ins Cockpit herauf und schrie „Wenden, sofort wenden!“ Und schon entriss er Gernot das Steuer und drehte das Schiff in seinen neuen Kurs. Der Baum schlug um. Es krachte als ob der Mast brechen würde, das Segel dem für Sekunden die treibende Kraft des Windes genommen wurde flatterte und knallte im Wind, als wollte es sich wehren gegen die schlechte Behandlung. Nun war alles hellwach. „Schoten dicht“ schrie Günther und schon hingen wir zu dritt an der Genuaschot und zogen aus Leibeskräften bis wir wieder voll im Wind standen. Wir waren vom Kurs abgekommen. Eine seitliche Strömung hatte uns zu nahe an die Insel herangetrieben und wir steuerten geradewegs auf ein Riff zu. Günther hatte während der Navigation den Tiefenmesser im Blickfeld, als dieser plötzlich, innerhalb weniger Sekunden von über hundert Metern eine Tiefe von zwanzig Metern anzeigte. Dann sah er die auf der Karte eingezeichnete Untiefe, auf die wir – von unserem ursprünglichem Kurs abgekommen – direkt zusteuerten. Erst jetzt bemerkte Günther, dass wir die letzten Stunden nur sinnlos hin und her gekreuzt waren. Durch den Abtrieb hatten wir keinen Meter Wasser gemacht. Wir kreuzten sozusagen auf der Stelle. Nun blieb uns nichts anderes übrig als Tilos anzulaufen. Auch auf die Gefahr hin, dass wir im Hafenbecken ankern müssten, was immer noch besser sei als bei den Verhältnissen eine Nacht auf hoher See zu verbringen. Ich war fertig. Auch die schärfste Brise konnte mich nicht mehr an Deck halten. Ich verschanzte mich in meiner Koje und erwachte erst wieder gegen einundzwanzig Uhr, als wir bereits in Tilos einliefen. Ich glaubte Schreie und poltern an Deck gehört zu haben. Ich wusste jedoch nicht ob ich geträumt hatte oder mir meine Fantasie sonst einen Streich gespielt hatte. Zuviel waren schon die Erlebnisse der vergangenen Tage und es fiel mir immer schwerer Traum und Wirklichkeit auseinander zu halten. Ossi erzählte mir, was sich abgespielt hatte. Beim Einlaufen in Tilos wurden die Segel dicht geholt. Vier Leute hingen am Baum als sich blitzartig orkanartige Fallböen, mit Geschwindigkeiten von mehr als vierzig Knoten über das Boot hereinstürzten. Die Vier, die mit dem Einholen des Großsegels beschäftigt waren wurden vom plötzlich umherschlagenden Baum abgeschüttelt wie lästiges Ungeziefer aus dem Pelz eines Tieres. Alle vier wurden auf das Deck geschleudert und da keiner von ihnen eine Sicherheitsleine trug grenzte es an ein Wunder, dass niemand von der anschließenden Flutwelle über Bord gerissen wurde. Fredi, einer der Vier konnte sich gerade noch an den Stahlseilen der Reeling fangen. Er wäre sonst unweigerlich unter der Reeling durchgerutscht und über Bord gespült worden, was seinen sicheren Tod bedeutet hätte. Auch die anderen konnten von Glück sprechen, dass sie bloß mit einigen blauen Flecken davongekommen waren. Der Sturm hatte beim Einlaufen in Tilos einen noch nicht gekannten Höhepunkt erreicht. Als ich wieder an Deck kam, lagen wir bereits im Hafenbecken vor Anker. Es war bereits stockfinstere Nacht. Ein Anlegen an der Hafenmauer wäre zu riskant gewesen. Es war zwar im Hafenbecken einiger Maßen geschützt, doch waren die Böen immer noch heftig genug, um uns bei einem eventuellen Fehler beim Anlegemanöver, an der Hafenmauer zerschellen zu lassen. So wurde nun wieder einmal Ankerwache eingeteilt. Ein karges Abendessen wurde zubereitet und wir beteten um besseres Wetter. Ein Spruch viel mir ein, den ich irgendwo gehört hatte: beten willst du lernen? Dann fahre zur See!

Kapitel 11

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