Kapitel 11: idyllisches Simi; die Seeamazonen und der Stuntman

Gegen zwei Uhr früh, legte sich der Wind. Sofort lichteten wir unseren Anker und liefen aus. Simi war unser nächstes Ziel. Kaum waren wir auf offener See, so schlief der Wind vollständig ein. Eine hohe Altdünung erschwerte unser Vorankommen. Ich legte mich wieder hin und erwachte erst wieder, als wir im Hafen von Simi angelegt hatten. Es versprach ein schöner Tag zu werden. Die Sonne blitzte vereinzelt durch die Wolkendecke, welche sich immer mehr und mehr auflöste. Als gegen zehn Uhr Vormittag, die ersten Touristenschiffe aus Rhodos ankamen, brannte die Sonne bereits mit voller Kraft auf unsere Köpfe. Wir genossen den Vormittag und wälzten uns faul und träge an Deck herum. Einige Crewmitglieder unternahmen kleine Ausflüge in die Stadt um einzukaufen und sich die Beine etwas zu vertreten. Wir entschlossen uns bis zum nächsten Morgen zu bleiben und erst dann nach Rhodos, unserem Zielhafen, weiter zu segeln. Bis dahin verblieb uns noch viel Zeit und wir genossen den Aufenthalt auf Simi in vollen Zügen. Ein sehr schöner, kleiner Hafen, in welchem wir gelandet waren, zeigte sich uns. Er hatte nur den Nachteil, dass zu dieser Zeit Baggerarbeiten im Hafenbecken durchgeführt wurden, was dementsprechend laut war. Ein riesiger Bagger, der auf einer stählernen Insel, welche im Hafenbecken schwamm, seine überdimensionale Schaufel nach allen Windrichtungen auswarf, um sie dann mit Unmengen von Gestein beladen, einzuholen und auf die bereitgestellten Lastwagen zu verladen. Der aufgewühlte Schlamm färbte das Wasser bis weit vor die Bucht hinaus in ein helles Braun, welches sich vom tiefen Blau des offenen Meeres abhob wie ein riesiger goldfärbiger Strand.

Simi selbst, einst eine Handelsmetropole des begehrten Naturschwammes, dürfte nach der Erfindung des Kunstschwammes einen wirtschaftlichen und kulturellen Niedergang erlebt haben. Hunderte Ruinen zeugten von einem ehemals blühenden Handelszentrum, dessen Menschen erst in jüngster Zeit wieder einen Aufschwung durch unzählige Touristen erleben. Dort und da waren einige Baustellen zu finden, die ein zukünftiges Hotel erraten ließen. Offenbar war man auf Simi noch nicht richtig eingestellt auf den Tourismus. Man gab sich scheinbar mit dem Ausflugstourismus der nahen Insel Rhodos zufrieden, was dem Städtchen eine gewisse ursprüngliche Eigenständigkeit bewahrt hatte. Gegen neun Uhr vormittags öffneten die Geschäfte im Hafen. Da kamen die ersten Ausflugsschiffe von Rhodos an und übergossen das Städtchen mit geldbringendem Touristenstrom. Es dauerte zirka bis vierzehn Uhr, als die Touristenmassen ebenso abrupt verschwanden, wie sie aufgetaucht waren. Mit diesem Zeitpunkt schlossen auch wieder die Geschäfte und idyllischer Friede kehrte ein. Am Nachmittag unternahmen wir ausgedehnte Spaziergänge in die nähere Umgebung der Stadt. In der gleißenden Nachmittagssonne waren die am steilen Hang platzierten Häuser, kaum von den sich dazwischen befindlichen Ruinen zu unterscheiden. Hie und da ragten Bäume aus den Fenstern der verfallenen Häuser, welche bestimmt schon einige Jahrzehnte ihr Geäst in den Trümmern verzweigten. Es sah eigenartig aus, wenn man die Gebäude etwas genauer betrachtete. Man konnte feststellen, dass es sich bei dem einen oder anderen Haus um ein Zweifamilienhaus handelte, welche links und rechts symmetrisch zur Mitte hin angelegt war. So war nun die eine Hälfte des Hauses sichtbar bewohnt und dementsprechend gepflegt, während die andere Hälfte dem Verfall preisgegeben war.

Scheinbar kümmerte es den Bewohner eines solchen Hauses kaum, dass die zweite Hälfte seines auf einer Grundfestung errichteten Hauses, bereits zu einem Trümmerhaufen verfiel. Solche Häuser konnte man überall in der Stadt sehen. Sogar direkt am Hafen, wo man teilweise beim Renovieren war, fand man solche Objekte. Die wenigen Bars und Restaurants waren meist in den Händen von Ausländern, die einst als Aussteiger aus ihrer Heimat verschwanden und dort auf der Insel ihr Heil suchten. Mittlerweile ist von Aussteigen keine Spur mehr, denn sie verdienen sich dumm und dämlich am vorbeiziehenden Touristenstrom. So auch Blondie, eine hübsche, vollbusige Engländerin, die es schaffte nach unendlich scheinenden Schwierigkeiten mit den griechischen Behörden eine Bar direkt im Hafen zu eröffnen. Sie hatte sich mit einer Freundin zusammengetan und schmiss den Laden bravourös. Den Winter, wo kein Geschäft zu machen war, verbrachte sie in ihrer Heimat, oder sie urlaubte weiter südlich. Der Ertrag des Sommers reichte vollauf für das ganze Jahr, wobei noch einiges für den Sparstrumpf übrig blieb. Bei einem kleinen Ausflug in die benachbarte Bucht wurde mir bewusst, wie nahe wir an der Türkei waren. Überall waren Geschützstände gegen das offene Meer ausgerichtet, als würde man jeden Moment mit einem Angriff rechnen. Am Strand lag eine alte, verrostete Kanone und zeugte von nicht allzu lange vergangenen Kriegshandlungen in dieser Gegend. Fritzi, welcher mich begleitete fand in einer kleinen Bucht, den halbverwesten Kadaver einer jungen Ziege, die höchstwahrscheinlich an den gegenüberliegenden Klippen abgestürzt und ins Meer gefallen war. Ich musste unweigerlich an Fredi denken, wie er auf Siros in den Klippen, über der tosenden Brandung, seine verlorengegangene Hose suchte. Wäre er damals ausgerutscht, so hätte er einige Wochen später ebenso wie diese Ziege ausgesehen, was seinem sportlich gebräunten Teint bestimmt nicht sehr zuträglich gewesen wäre.

In der Abendsonne konnte ich noch stimmungsvolle Fotos machen. Das Licht der langsam untergehenden Sonne verbreitete zartes, rosiges Licht über die Stadt. Die Häuser leuchteten in gelblichem Rosa und wechselten mit dem satten Grün der aus dem Fenstern ragenden Büsche und Bäumen zu einem vollendeten Spiel der Kontraste, welches das Herz erwärmte. Rosa Wölkchen verteilten sich über den noch immer in hellem Blau strahlenden Himmel, welcher zusehends an Leuchtkraft verlor und sein Kleid allmählich in ein zartes Violett hinüber gleiten lies. Fast mochte man glaube eine unwirkliche Traumlandschaft zu sehen, in der jedes Leben verstummt war, so still und friedlich lag das Städtchen am Hang in der Abendsonne. Wir schlenderten durch eine Schiffswerft. Gespenstisch standen die Grippe der meterhohen Schiffsrümpfe in der untergehenden Sonne und warfen ihre immer länger werdenden Schatten in das Gewühl von umherliegenden Brettern, Pfosten, Leisten und Werkzeugen, die trotz ihres wirren Durcheinanders den Eindruck erweckten, dass sie es nicht erwarten könnten an die Spanten der Schiffe genagelt zu werden. Neue wie alte Schiffe säumten den Weg zwischen dem Werksschuppen und dem Meer. Wie Zwerge kamen wir uns vor, zwischen den riesigen Schiffskörpern, die ihre Masten in den Himmel reckten, als wollten sie ihn ergreifen. Gute solide Holzschiffe waren dort zu sehen. Am Nachmittag hatte ich bereits den Arbeitern bei ihrer interessanten Tätigkeit zugesehen, wie sie mit schweren Hämmern die riesigen verzinkten Nägel in die Planken Schlugen und mit handgedrehten Hanfschnüren die Fugen des Rumpfes abdichteten. Es war nichts zu merken von einer südländischen Trägheit. Es wurde gearbeitet. Mit Gasbrennern wurde die alte Farbe der Schiffe entfernt, die Planken neu abgedichtet und geschliffen, um dann erneut frische Farbe aufzutragen. Es wurde gehämmert, gebohrt, geschliffen und gehobelt, gesägt und gehackt. Keiner war überflüssig in der Werft. Jeder hatte seine Arbeit und war voll ausgelastet.

Es wurde Abend. Nachdem wir gut gegessen hatten, und in Blondie’s Bar einige Drink`s zu uns genommen hatten, schien die bunte Gesellschaft auseinander zu fallen. Es war so gut wie nichts los im Hafen. Die wenigen Bars schlossen zeitig und außer einigen Seglern und Mitseglern, war kaum jemand anzutreffen. Ich machte mich mit Mani auf die Socken, doch noch eine interessante Bar zu finden. In einer miesen Hafenkneipe kamen wir dann doch noch auf unsere Rechnung. Es war eine rauchige, stinkende Bar. Im diffusen Lichtschein einiger verschmutzter Lampen, saßen wilde Typen an der Theke herum. Jeder Mengen von Bier und Schnäpsen intus, was an den nicht abgeräumten Tischen des Lokals genau abzuzählen war. Dementsprechend war auch das Gegröle im Gastraum, was umso schlimmer schien weil nur griechisch gesprochen wurde. Um in diesem Fiasko nicht aufzufallen, jagten wir uns kurzerhand einige Getränke in die Venen. Cola Whisky, hieß das Zauberwort welches uns den Abend verschönte. Es mochte wohl nach dem dritten oder vierten Glas gewesen sein, als ich am anderen Ende der Theke zwei Mädchen sitzen sah. Es war äußerst merkwürdig, wie das Aussehen der Mädchen mit dem Konsum des Alkohols in Verbindung stand. Je mehr man trank, desto hübscher wurden diese sie. Man konnte sich sozusagen jedes nicht unbedingt hübsche Mädchen, zum schönsten Fotomodell saufen. Meist endete es dann insofern, dass wenn sie endlich schön genug waren, einem der Alkohol schon so zu schaffen machte, dass es unmöglich war noch weitere Schritte zu unternehmen. Ich setzte meinen ganzen Charme ein, um mit liebevollem Blick, welcher zweiwöchiger Frauenabstinenz entsprach, eine der beiden Schönheiten zu erobern. Sie konnte sich meinen feurigen Blicken nicht entziehen und ich wusste sie war mein! Trotz meines unwiderstehlichen Dranges nach der Lust des Leibes, konnte ich meine inneren Schranken der kindlichen Schüchternheit nicht überwinden. Ich machte Mani auf die beiden vermeintlichen Schönheiten aufmerksam. Doch dieser wandte sich ekelnd zur Seite und nahm einen kräftigen Schluck. Er meinte ich hätte wohl Geschmacksverwirrung, oder die lange Abstinenz hätte mich irre gemacht. Ich wollte, von Mani zur Besinnung gebracht, etwas enttäuscht, meine Bemühungen auch schon wieder aufgeben, als das Drama seinen Lauf nahm. Eine der beiden Mädchen erhob sich und kam geradewegs auf mich zu. Mein Herz begann zu schlagen und ich spürte wie sich mir die Kehle zuschnürte. Ich dachte, wenn die mich jetzt etwas fragen würde, brächte ich keinen Ton heraus. Sie war gute zwei Meter groß, hatte Schultern so breit wie ein dreiteiliger Kleiderschrank und Hände mit denen man einen Klosettdeckel ersetzen konnte. Sie hatte ein hageres ovales Gesicht in dessen Mitte ein mit Sommersprossen übersätes Etwas saß, was sich bei näherer Betrachtung als überdimensionale Nase herausstellte. Ihre Zähne zeigten eine gewisse Tendenz sich vor die Lippen drängen zu wollen, was ihrem Lächeln etwas Erschreckendes verlieh. So kam es, dass mir fast das Gesicht einschlief und ich Mühe hatte meinen Schrecken zu verbergen. Feurig rotes, rundum stehendes, gekräuseltes Haar zierte ihren Kopf, was ihrem Aussehen noch einen gewissen Nachdruck verlieh. Mit kräftiger Stimme, die sie mir wie einen Donnerschlag ins Gesicht schmetterte, fragte sie mich etwas in englischer Sprache. Da es mit meinen Englischkenntnissen nicht sehr weit her war, atmete ich erleichtert auf. Ich dachte ich könnte sie nun Mani zuschanzen und mich fein aus der Affäre ziehen. Ich winkte ab und beteuerte leider kein Englisch zu sprechen und verwies etwas schadenfreudig auf den vor Schreck bleich gewordenen Mani. Doch zu meiner Verblüffung begann sie nun Deutsch zu sprechen. Ihre Augen glühten und versprühten das Feuer, das einen überfälligen Mann zum Äußersten treiben konnte. Nach einigem Hin und Her wussten wir uns ganz gut zu verständigen und ich merkte, dass man sich mit ihr glänzend unterhalten konnte. Kurzerhand setzte sich auch das zweite Mädchen zu uns und Mani musste sich mit unserer neuen Gesellschaft abfinden. Beide Mädchen waren Däninnen, die dem Discostress von Rhodos entronnen waren, indem sie mit einem Touristenkutter nach Simi getuckert waren und das Wochenende hier verbrachten. Susi, so hieß die große Schönheit, hatte einige Zeit in München gelebt und war nun froh ihre Deutschkenntnisse ein wenig auffrischen zu können. Mittlerweile war Mani hellhörig geworden. Offenbar hatte er seinen persönlichen Schöntrinkerspiegel erreicht und fand nun gefallen an der etwas hübscheren Birte, wie sich das zweite Mädchen nannte. Es stellte sich heraus dass Birte kein Deutsch sprach und plötzlich war Mani in seinem Element. Nun konnte er mit seinen Englischkenntnissen brillieren und beschwatzte die kleine Dänin, dass ihr Hören und Sehen verging. Es dauerte nicht lange bis der Vorschlag laut wurde, doch eine Disco aufzusuchen, was sofort ein stimmig angenommen wurde. Nach langer Suche fanden wir endlich die begehrte Diskothek. Es war ein ganz annehmbares Lokal, in dem die Musik dröhnte, dass man sein eigenes Wort nicht verstand. Dafür waren wir die einzigen Gäste im Lokal. Ein äußerst freundlicher Barkeeper und ein sogenannter Türsteher waren außer uns noch anwesend. Letzterer war schon vor unserem Eintritt in das Lokal bemüht uns die wahren Zustände im Inneren zu verschleiern und uns vorsichtshalber gleich einige Drachmen abzunehmen, da er Angst hatte wir würden das Lokal ohne zu konsumieren sofort wieder verlassen. Es war rein gar nichts los in dieser Disco. Tanzen könnten wir doch wenigstens dachte ich, es war doch sowieso niemand auf der Tanzfläche. Gerade dieser Umstand war es, welcher dazu führte, dass ich mir gleich den ersten Korb bei beiden Mädchen holte. Sie wollten pardout nicht tanzen, weil sich keine Leute auf der Tanzfläche befanden. Nun blieb nichts anderes übrig, als uns gegenseitig weiterhin aus voller Kehle anzuschreien, denn anders war eine Kommunikation bei dem alles übertönenden Lärm der Discomusik nicht möglich. So unterhielten wir uns über dies und das bis wir endlich des Geschreies überdrüssig wurden und abermals das Lokal wechselten. Ich brachte kaum noch einen Ton heraus, als wir bereits weit nach Mitternacht die Diskothek verließen. Es war nun kein Lokal mehr zu finden, in dem wir noch etwas zum Trinken bekommen hätten. Es waren mittlerweile alle Bars geschlossen und da wir uns noch nicht im Stande fühlten den überaus vergnüglichen Abend zu beenden, kam uns die ldee die beiden Mädchen an Bord der Paladia einzuladen. Wir mussten ja noch genügend Metaxa an Bord haben, dachte ich bei mir, Gernot hatte doch eine Dreiliterflasche gekauft. Da müsste noch genügend vorhanden sein, um uns alle vier zu versorgen. So kam es, dass wir uns gegen zwei Uhr morgens, zu einem kleinen Umtrunk an Bord der Paladia einfanden. Auf leisen Sohlen schlichen wir uns an Deck. Alles schlief. Gernot lag fest schnarchend auf seinen Platz im Saloon und schien von unserer nächtlichen Aktion nichts zu bemerken. Vorsichtig nahmen wir um den Tisch im Saloon Platz. Leise, bemüht ja keinen zu wecken, nahm ich die Schnapsgläser aus dem Regal und stellte sie auf den Tisch. Die Dreiliterflasche Metaxa stand bereit und ich öffnete den kleinen Hahn, um die Gläser zu füllen. Kaum plätscherte der erste Tropfen Metaxa in das Schnapsglas sprang Gernot wie von einer Nadel gestochen auf und saß plötzlich putzmunter mit einem vollen Glas bei Tisch. Er musste das Plätschern des kostbaren Flascheninhalts gehört haben und dies im Halbschlaf eindeutig als Nahrungsausgabe erkannt haben, wo er natürlich nicht fehlen konnte. Nun stand einem feuchtfröhlichen, nächtlichen Umtrunk nichts mehr im Wege. Nach und nach wuchs die Stimmung an Bord und damit auch die Lautstärke. Poldi ließ nicht lange auf sich warten. Sofort hellwach, gesellte er sich zu unserer bis dahin noch recht lahmen Runde. Nun ging es erst richtig los. Poldi brachte Feuer in die Runde. Nach und nach wurde die gesamte Mannschaft wach. Gläser wurden aufgetischt und die verschlafenen Gesichter bekamen allmählich wieder an Farbe. Poldi war sofort Hahn im Korb. Mit einem jugendlichen Satz, schwang er sich zwischen die beiden Mädchen und ließ seine Späße laufen. Auch Susi war kein Kind von Traurigkeit und schlagfertig noch dazu. So kam es noch zu mancher Konversation zwischen Poldi und Susi, welche zum Brüllen Anlass gegeben hatte. Die Alkoholmenge, welche die beiden Mädchen vertilgen konnten war beachtlich. Noch nie hatte ich Frauen derartige Mengen harter Getränke zu sich nehmen gesehen. Ich hatte ja schon gehört, dass die Menschen aus dem Norden besonders viel Alkohol in sich hineinschütten, wenn sie im Ausland weilen, aber das überstieg meine kühnsten Erwartungen. Wie sich Susi in dem engen, backbordseitigen Bordklosett zurechtfand ist mir heute noch ein Rätsel. Mit ihren guten zwei Metern Körpergröße konnte sie sich biegen und winden wie sie wollte, sie konnte unmöglich auf der Klosettmuschel zum Sitzen kommen. Dieses Klosett war so eng und niedrig, dass es selbst dem kleinsten unserer Runde Schwierigkeiten machte im Stehen sein bestes Stück auszuwinden, geschweige denn, sich zu setzten. Die Stunden verrannten und der der Metaxa auch. So war es bereits hell als wir uns verabschiedeten und für den fröhlichen Morgen bedankten. Gernot und ich begleiteten die Beiden noch bis zu ihrer Pension. Mein Spiegel war schon derart gestiegen, dass ich doch noch einen ganz kleinen Funken Hoffnung sah, meine seit zwei Wochen aufgestaute Männlichkeit günstig loszuwerden. Daraus aber sollte doch nichts werden. Vor der Pension angekommen, blieb uns nichts anderes übrig, als zu vermuten, dass die Beiden mit sich selbst genug hätten und nicht auf männlichen Beistand angewiesen waren. Nach herzzerreißenden Abschiedsszenen, verschwanden sie in ihrem Hotel, immer wieder beteuernd, dass sie uns keinesfalls zu sich einladen könnten, da sie sich sonst den Unmut ihres Wirtes einhandeln würden und dieser doch so ein netter Mensch sei. Doch so leicht wollte ich mich nicht geschlagen geben. Die Beiden bewohnten ein Zimmer im ersten Stock des Hauses, was ich daran erkannte, dass sich kurz nach ihrem Verschwinden eine Balkontüre und ein kleiner hölzerner Fensterladen öffnete. Unmittelbar unter diesem Balkon endete das Stahlgerüst einer Sommerlaube, welche den Speisegarten eines Restaurants überdeckte. Plötzlich kam es mir in den Sinn diese Laube zu erklettern. In meinem Dusel schwang ich mich hinauf auf die etwa fünf Zentimeter dicken Eisenrohre. Die Warnungen Gernots unbeachtet, welcher meinte, ich werde mir den Hals brechen. Gut drei Meter hoch über dem Steinboden begann der zum Dach des Gerüstes gehörige Teil und endete gut einen Meter höher in einem schmalen First unter dem Balkon der beiden Angebeteten. Auf einem solchen Eisenrohr stehend, tastete ich mich Schritt für Schritt an der Häuserwand entlang, langsam an Höhe gewinnend. Plötzlich begannen mir meine Knie zu zittern und die Gefährlichkeit meines Unternehmens wurde mir bewusst. Ich sah zwischen meine Beine hinunter auf die harten Stahlrohrgestelle der Tische und Sesseln, welche einige Meter unter mir nur auf den Augenblick warteten, dass ich hinunterstürzen würde um meine Knochen gnadenlos zu zertrümmern. Die dicken Eisenrohre begannen zu schwingen und zu federn. Bei jedem Schritt bogen sie sich mehr durch und ich betete, dass das Material gut genug verarbeitet war, um mein Gewicht zu halten. Kaum mehr den Sinn nach dem weiblichen Geschlecht, sondern eher heil den Balkon zu erreichen, drückte ich mich zitternd an die Wand des Hauses und setzte vorsichtig, um ja keine regelmäßigen Schwingungen im Eisenrohr herbeizuführen, einen Fuß nach dem anderen auf das plötzlich so filigran wirkende Eisengestell. Gernot saß da. Er hatte sich einen Stuhl zurecht gerückt, ein Bein über das andere geschlagen und rauchte gemütlich eine Zigarette. Er genoss die Vorstellung, als säße er vor einer Kinoleinwand. Immer wieder machte er mir Mut, indem er mir die Folgen eines Absturzes vor Augen führte. Ich war der Verzweiflung nahe. Sollte ich einfach die Augen schließen und mich fallen lassen? Ich hatte noch nicht zu Ende gedacht, als ein alter Fischer um die Ecke kam. Verwundert blieb er stehen und beobachtete mich. Erst als ich ihm freundlich einen guten Morgen wünschte, schüttelte er den Kopf und ging murmelnd seines Weges. Cool lächelte ich Gernot an. Ich wollte den Eindruck erwecken als sei es mir ein Leichtes solche Kunststücke auszuführen, dabei wusste ich schon gar nicht mehr wie ich hier heraufgekommen war. Ich hatte es fast geschafft. Eben wollte ich das Balkongeländer übersteigen, da krachten die schweren hölzernen Fensterläden vor meiner Nase zu. Höhnisches Gelächter hörte ich hinter den verschlossenen Fensterläden. Etwas enttäuscht und doch froh mich hier in Sicherheit zu wissen stand ich nun auf dem Balkon des fremden Hauses. Gernot wälzte sich vor Lachen auf dem Marmorboden und schrie vor Vergnügen. Offenbar stand mir die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Wie kam ich nun wieder hinunter? Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen. Nicht zuletzt deshalb, weil ich Angst hatte, der vorbeiziehende Fischer konnte mich für einen Einbrecher gehalten und die Polizei verständigt haben. Es wäre doch das Letzte gewesen, wegen dieser Aktion noch im Kittchen zu landen. So stieg ich wieder auf das wackelige Eisenrohr und tastete mich langsam an der Hausmauer abwärts. Unter Todesängsten und Gernots Gelächter, schaffte ich es doch noch, sicher und unversehrt den Erdboden zu erreichen. Ganz locker und lässig ließ ich mich mit einem federnden Sprung, in die rettenden Arme der Mutter Erde fallen, um nicht zu zeigen welche Ängste ich ausgestanden hatte. Nach diesem Erlebnis fast nüchtern, wankten wir heimwärts auf unser Schiff. Natürlich war ich dem Gespött der Mannschaft auf Gedeih und Verderb ausgeliefert und ich war froh, dass keine Fotos von dieser Unternehmung vorhanden waren, um diesem Erlebnis noch nach Jahren Gedenk zu verleihen. Bis zum Frühstück hielt ich noch durch und begab mich dann schleunigst in meine Koje, um erst wieder vor Rhodos zu erwachen.

Kapitel 12

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