Kapitel 12: die Huren von Bagdad; im türkischen Bad; Discoboy

Wir kreuzten bereits im Hafenbecken von Rhodos, als ich endlich die Augen aufschlug. Ich hatte die ganze Überfahrt verschlafen. Der Hafen war voll. Kaum ein Plätzchen frei zum Anlegen. Es herrschte hektisches Treiben an Deck. Ein türkischer Zweimaster versuchte aus dem Hafen auszulaufen und trieb mit der Breitseite auf die an der Mole liegenden Yachten zu. Scheinbar war sein Motor defekt, denn es gelang ihm nicht sich aus eigener Kraft zu helfen. Bestimmt hatte er sich mit seiner Schraube in einer der zahlreichen Ankerleinen verheddert und konnte deshalb nicht auslaufen. Verzweifelt versuchten die Besatzungen der bedrohten Yachten die Ketsch fernzuhalten, doch das tonnenschwere Gefährt drückte sie unaufhaltsam gegen die Kaimauer. Wir versuchten zu helfen und nahmen das bestimmt über hundert Tonnen schwere Schiff in Schlepptau. Vollgas sprudelte unser Fahrwasser, doch wir kamen keinen Zentimeter vorwärts. Die knappen fünfzig PS, welche unser kleiner Diesel leistete, waren eindeutig zu wenig um das Schiff loszubekommen und wir mussten aufgeben. Zu guter Letzt verfing sich noch das Schlepptau in unserer Schiffsschraube und ein Mitglied der Besatzung des türkischen Schiffes musste tauchen, um es wieder zu lösen. Das türkische Schiff konnte erst von einer großen griechischen Motoryacht, von welcher aus der Vorgang schon seit einiger Zeit beobachtet wurde, weggeschleppt werden. Wir kreisten noch eine gute Stunde im Hafenbecken hin und her, bis wir endlich einen Anlegeplatz gefunden hatten.

Kaum hatten wir angelegt, war auch schon Peter von der Ablösecrew eingetroffen. Er hatte einen Sack voll mit eisgekühlten Bieren mitgebracht, den wir auf der Stelle leerten. Ossi hatte auf Rhodos vorgesorgt. Über seinen griechischen Freund Michael, hatte er bereits vor deren Ankunft, Abendessen und Zimmer für die Ablösecrew besorgt. Für den nächsten Tag war eine Inselrundfahrt mit zwei Kleinbussen geplant. Doch vorerst hatten wir nur eines im Sinn, nämlich ausgiebig zu baden. Eine zentimeterdicke Dreckschicht hatte sich auf unsere Körper niedergelassen und wir stanken, dass so mancher schon weit vor unserem Ansichtig werden, das Weite suchte. Unsere Bärte wucherten bereits derart, dass einige von uns sie schon zu Zöpfen flechten mussten, um nicht andauernd darüber zu stolpern. Natürlich ist alles ein wenig übertrieben, doch hatte unser Verwahrlosungsgrad schon die obere Erträglichkeitsgrenze erreicht. Wir waren entschlossen, das türkische Bad in Rhodos aufzusuchen. Zuvor aber lernten wir noch Michael, den Freund Ossis kennen. Ein sehr freundlicher geschäftstüchtiger Grieche, der sofort bemüht war, uns jeden nur erdenklichen Wunsch von den Augen abzulesen. Man konnte bei ihm alles erwerben was das Herz begehrte. Er lud uns sofort zu erfrischenden Getränken ein, zeigte uns sein Geschäft und voll Stolz sein kleines Cafe, von dessen Dachterrasse man herrlich von der Mitte der Stadt, die gesamte Altstadt überblicken konnte. Man sah von hier aus das bunte Treiben der Altstadt. Sah auf den Hauptplatz, wo sich rund um den Brunnen die leicht bekleideten Mädchen sonnten und die alten Griechen auf kleinen Hockern vor ihren Geschäften ihre Waren anpriesen.

Eine ganze Weile saßen wir da, genossen die Aussicht und die guten Getränke im herrlichsten Sonnenschein. Gegen fünfzehn Uhr machten wir uns auf die Suche nach dem so sehr gefragten Bade. Obwohl uns der Weg von Michael genau beschrieben worden war, irrten wir eine gute halbe Stunde in den engen Gassen der Altstadt umher und suchten verzweifelt das kostbare Nass. Immer wieder erklärte man uns, dass wir diese oder jene Richtung nehmen sollten und dann direkt zum Bade kommen würden. Wir hatten schon fast aufgegeben, als wir das ganz unscheinbare Gebäude, am Ende eines Platzes als das türkische Bad erkannten. Nach dem Eintritt durch eine kleine, desolate Holztüre, hielt uns eine dicke ältere Frau mit einem Puffmuttergesicht an und forderte, immer auf der Hut, dass ihr keiner entwischt, die für den Eintritt vorgesehenen Drachmen. Wir betraten eine große grünlich schimmernde Marmorhalle. Rundherum, hinter einem Gitter aus Holzgeflecht befanden sich die Kästchen, wo man seine Sachen verstauen konnte. Es schien so als wären wir die Einzigen gewesen, die bei dem Traumwetter ihre Zeit im türkischen Bad verplempern. In den Ecken des Raumes befanden sich steinerne Nischen mit Waschtischen, aus deren Hähnen kaltes Wasser floss. An den hölzernen Zwischenwänden, welche die Kästchen von der eigentlichen Vorhalle trennten, waren große Spiegel angebracht, die uns das erschreckende Ausmaß unserer Verwahrlosung gnadenlos vor Augen führten.

Wir entkleideten uns rasch und suchten das eigentliche Bad zu finden. Dicke Eichentüren, mit einer primitiven, jedoch wirksamen Selbstschließvorrichtung ausgestattet, verschlossen uns den Weg. Man musste schon einige Kraft aufwenden, um den schweren Ledersack, der an einer dicken Schnur am oberen Querbalken des Türstockes hing und über eine am Türblatt befestigte Rolle, durch aufdrücken der Türe hochgehoben wurde, in Bewegung zu bringen. Dementsprechend krachte die Türe hinter einem wieder zu. Was wir dann hinter den Türen zu sehen bekommen hatten, übertraf alles bisher da gewesene. In grauem Marmor gehaltene Räume mit beheizten Fußböden und Wänden. Die Decke des Raumes wölbte sich auf zu einer riesigen Kuppel, in deren Mitte durch Entlüftungsschlitze der freie Himmel zu er kennen war. In die marmornen Fußböden waren schmale Vertiefungen eingearbeitet, in denen kleine Bäche verschmutzten Seifenwassers einem unbestimmten Ziel entgegen flossen. In der Mitte des Raumes, direkt unter der Kuppel, war ein zirka fünfzig Zentimeter hohes, kreisförmiges Marmorpodest, welches beheizt war und scheinbar zum abtrocknen des Körpers diente. Man konnte sich darauf ausbreiten und den Blick durch die Kuppel in den blauen Himmel genießen. Überall an den Seitenwänden waren marmorne Waschbecken aufgestellt. Diese hatten keine Abflüsse und das durch die Hähne eingelassene Wasser musste mit den Händen ausgeschöpft werden. Ich beobachtete einen Einheimischen bei seiner Badeprozedur. Er kam mit einer hübsch verzierten Messingschale, welche ich vorerst für eine Seifentasse hielt, zu einem der freien Steinbecken. Schnell schöpfte er mit der Messingschale das mit Wasser gefüllte Becken leer, wobei er das Wasser einfach auf den Fußboden des Raumes schüttete. Das ausgeschöpfte Wasser sammelte sich in den Abflussrinnen und suchte sich flugs seinen Weg, kreuz und quer durch den Raum, bis es irgendwo in einer Ecke gurgelnd verschwand. Dann lies er das Steinbecken mit reinem, warmen Wasser volllaufen und goss sich eine, mit Wasser gefüllte Schale, nach der anderen über den Kopf. In einer Ecke fand ich eine unbenützte Holzschale, deren Dienste ich mir sofort aneignete. Ich begab mich zu einem der Steinbecken und begann die Tätigkeit des Einheimischen nachzuahmen. Ich schöpfte das Becken leer, füllte Wasser nach und goss es mir über den Kopf. War das ein Gefühl! Endlich, nach einer guten Woche ohne richtiges Badewasser, konnte sich mein Körper der übel riechenden Dreckschicht entledigen. Erst einmal richtig in den Genuss der Badefreuden gekommen, war in dem Bad die Hölle los. Das Wasser spritzte kreuz und quer durch den Raum. Seifen flogen von einer Seite zur anderen und wir schrien laut durcheinander vor Vergnügen. Gernot, der vollkommen in Seife gehüllt, auf der Suche nach einem freien Wasserbecken war, um sich die Seifenpracht abzuwaschen, landete einen doppelten Rittberger. Waagrecht kam er, nachdem er auf eine der herumliegenden Seifen getreten war, aus einem Nebenraum geflogen und krachte unmittelbar neben mir auf den harten Marmorboden. Er hatte Glück. Wahrscheinlich hatte er es seiner den Aufschlag dämpfenden Leibesfülle zu verdanken, dass er ohne jede Verletzung davon kam. Der Sturz sah fürchterlich aus. Ich sah aus dem Augenwinkel heraus wie Gernot, waagrecht in Schulterhöhe aus dem Nebenraum geflogen kam, eine gute zehntel Sekunde in dieser Stellung verharrte, um dann doch den unüberwindbaren Erdanziehungskräften nachzugeben und auf dem harten, glitschigen Steinboden aufzuklatschen. Sekundenlang blieb er regungslos liegen, streckte alle Viere von sich und rang verzweifelt nach Luft. Erst als jeder sah wie glimpflich er davongekommen, dass nichts gebrochen, nichts verstaucht oder geprellt war, brach allgemeines Gelächter aus. Wer den Schaden hat, der hat den Spott. So hatte es nicht einmal auf unserer Reise gegolten. Nun befanden sich in diesem Bad einige  kleinere Nebenräume, welche ebenso ausgestattet waren, wie die große Badehalle. In einer solchen stand Mani und gab sich, seinem Ruf als „Bodhua“ gerecht werdend, völlig dem Genuss der Badefreuden hin. Verträumt hüllte er sich in den seidigen Schaum seiner duftenden Seife, als er ein zärtliches Streicheln an seiner rechten Gesäßseite verspürte. Voller Erwartung, vielleicht doch in einer gemischtgeschlechtlichen Badeanstalt zu sein, drehte er sich um und blickte in die sehnsüchtigen Augen, eines dunkelhäutigen Schönlings, der offenbar still in einer Ecke des Raumes auf ein Opfer gewartet hatte. Sekunden der Überraschung schlugen sofort in äußerste Erregung über. Voll Zorn schrie Mani den zart besaiteten Jungen an, der völlig perplex einen spitzen Schrei ausstieß und das Weite suchte. Offenbar hatte dieser nicht mit Gegenwehr gerechnet, denn wer sich in die Höhle des Löwen wagt, muss damit rechnen angegriffen zu werden. Als Mani dieses Erlebnis später erzählte, war Poldi außer sich vor Zorn. Er meinte, er hätte der schwulen Sau den Hals umgedreht und ihn in einem der Wasserbecken ertränkt, wenn er das sofort erfahren hätte. Nur gut, dass Poldi glücklicher Weise nicht bemerkte, wie einer seiner lieben Kameraden ausgerechnet in das Wasserbecken pinkelte, aus welchem er sein Wasser zur Körperspülung schöpfte. Genüsslich goss er sich das Wasser über den Kopf und räkelte sich in dem wohlig warmen Wasser. Wer weiß wie es demjenigen ergangen wäre, wenn das damals erfahren hätte. Nachdem wir uns einige Stunden später, um etliche Kilo Dreck erleichtert, aus dem Bad entfernten, konnten wir uns wieder unter zivilisierte Menschen wagen.

Eingedüftelt wie die Huren von Bagdad zogen wir durch die Einkaufsstraßen der Stadt. Alles war überfüllt von Touristen. Ein Geschäft nach dem Anderen säumte den Weg. Kleider, Schmuck und kitschige Souvenirs wurden massenhaft zu überhöhten Preisen angeboten. Wir kauften dieses und jenes mehr Unbrauchbares als Brauchbares, mehr Teures als Billiges, und trösteten uns mit dem Gedanken, doch nur einmal hier zu sein und darum die günstige Gelegenheit zum Einkauf zu nützen. So bummelten wir verstreut, bis zum Abend durch die Stadt, und fanden uns erst wieder zum Abendessen zusammen. Eine wahre Völlerei. Ein wahres zu „Abend – Fressen“, eine Orgie wie sie im Buche steht wurde aus den von Ossi bestellten Kleinigkeiten. Nach einigen Gängen Fleisch, Fisch und rohen Muscheln, waren wir bereits so voll, dass es uns aus dem Gesicht herauszufallen drohte. Aber der Wirt ließ nicht locker. Er tischte zuletzt die von Ossi bestellten acht „Fischlein“ samt Beilagen auf. Schon ohne Beilagen hätte einer der Fische gereicht, um eine vierköpfige Familie eine Woche lang zu ernähren.

So kam es, dass wir mehr übrig ließen, als wir gegessen hatten. Es war halt wieder der Appetit der Augen größer als der Hunger des Magens, wie so oft auf dieser Reise. Auf jeden Fall hatten wir eine gut Unterlage, für die anschließenden Stunden in der Disco. Ossi brachte uns in eine Disco, in der wir, nachdem wir pro Kopf und Nase als Entree einhundert Drachmen erlegt hatten, saufen konnten so viel wir wollten. In dieser Disco wurden die jungen Alkoholiker nahezu gezüchtet. Die ersten Getränke waren annähernd normal gemixt. Trank man jedoch mehrmals dasselbe Getränk, so wurde die Mischung derart stark, dass sie selbst den trinkfestesten Gästen zum Verhängnis wurden. Reihenweise kippten die jungen Burschen und Mädchen von den Barhockern und wurden von kräftigen Türstehern nach Draußen befördert. Die so in dem völlig überfüllten Lokal frei gewordenen Plätze wurden sofort von neuen zukünftigen Alkoholleichen besetzt. Die Tanzfläche war mit hübschen, jungen Mädchen überfüllt, während die Burschen mit einem Glas in der Hand und teilnahmslosen Blick um die Tanzfläche herumstanden. Die Lautstärke war höllisch. Zwei eineinhalb Meter hohe Lautsprecherboxen standen auf der Tanzfläche und brüllten uns die Ohren voll. Hoch-, Tief- und Mitteltöner, an allen Ecken und Enden des Raumes taten das Ihrige dazu. Dazu flimmerte unentwegt die überdimensionale Lichtanlage, welche einem bei einem unvorsichtigen Blick nach oben, völlig das Augenlicht nahm. Ich war heilfroh, als wir gegen vier Uhr früh, nach einigen Flaschen Bacardi, halb taub, blind und stumm das Lokal verließen. Gernot erregte einiges Aufsehen mit seiner Kapitänsmütze, ohne die ich ihn die ganzen vierzehn Tage nicht gesehen hatte. Eine freche, kleine Tänzerin schnappte sie ihm weg und wollte sich damit aus dem Staub machen. Gernot, flink wie ein Wiesel, riss ihr darauf einen riesigen Ohrclip in Form eines goldfarbigen Ringes vom Ohr. Der Spaß hatte jedoch ein Ende als Gernot sich den Ohrclip in seine Nasenlöcher steckte und wie ein wilder Stier zu fauchen begann. Sie sprang Gernot, welcher das Gelächter der Beobachter auf seiner Seite hatte, wie eine wilde Furie an, griff nach dem auf das schändlichste missbrauchten Ohrclip und riss mit voller Kraft an. Ein schmerzlicher Aufschrei Gernots gellte durch den Raum. Der Ohrclip hatte sich verhakt und riss ihm beinahe die Nasenspitze ab. Seine Augen wurden wässrig und er brachte vor Schmerz keinen Ton heraus. Die Kleine jedoch suchte – wohlweislich wissend was nun folgen würde – blitzschnell das Weite. Sie wäre sonst kaum der schallenden Antwort Gernots entwischt, die zu überleben ihr wahrscheinlich etwas schwergefallen wäre. So konnte Gernot froh sein, dass seine Nasenspitze heil blieb und sich trösten, dass das Angenehme am Schmerz, das Nachlassen sei. Gottseidank ist ihm seine geliebte Kappe geblieben, denn ein solches Exemplar war in ganz Griechenland nicht aufzutreiben. Während sich die übrige Mannschaft langsam aber sicher volllaufen ließ, glänzte Mani in altbewährter Discomanier. Er war völlig aufgelöst in seinem Element. Doch unterschätzte auch er, wie so viele andere die fatale Wirkung des überreichlich genossenen Alkohols. Während er mit einer Discoschönen plauschte, sank er immer mehr und mehr in sich zusammen und drohte zeitweise vom Stuhl zu fallen. Das Discoleuchten in seinen Augen erlosch allmählich und wich einem mitleiderweckenden Schlafzimmerblick. So war das Zeichen zum Aufbruch eine gar nicht so unwillkommene Geste, zumal so mancher an die um sieben Uhr beginnende, von Ossi organisierte Inselrundfahrt dachte.

Kapitel 13

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