Hurarei

Und weiterhin brausten die tonnenschweren, riesigen Flugzeuge über unsere Köpfe hinweg und verteilten ihre Kerosinabgase gleichmäßig über den Strand. Einige Stunden später, endlich im Yachthafen von Kalamaki, lag unsere Paladia blendend weiß unter tausend anderen Yachten an der Hafenmauer. Das Schiff war so gut wie neu. Wir waren die dritte Crew, welche dieses Boot steuern sollte. Auf den ersten Anblick ein wunderbares Schiff. Doch Günther ließ sich von Äußerlichkeiten nicht täuschen. Er bemerkte bald die ersten Mängel. Er ist ein guter, erfahrener Skipper, der sich keineswegs von der optischen Schönheit eines Schiffes blenden lässt. So kam es bereits bei der Bootsübernahme zu leichten Unstimmigkeiten mit dem Fräulein von der Charterfirma. Es fehlten Leinen, Segellatten und auch andere wichtige Ausrüstungsgenstände waren nicht an Bord. Wie sehr uns die verschiedenen Dinge noch fehlen würden, sollte sich im Laufe unserer Reise noch herausstellen. Es war heiß geworden. Die Sonne brannte uns in das Genick. Die Stunden der Bootsübernahme und des Beladens, sprich Proviantbunkerns, wollten nicht vergehen.

Mir schien es viel zu viel, als Ossi mit dem Proviant kam, da ich mir nicht vorstellen konnte wie wir vierzig Flaschen Retsina, einige Flaschen Ouzo und Metaxa, sowie mehrere Kisten Bier entleeren sollten. Ich wurde jedoch schon nach dem ersten Tag eines Besseren belehrt, als wir bis zum nächsten Hafen, im Rahmen des Manöverschlucks, ganze fünfzehn Flaschen Retsina geleert hatten.

Endlich, um fünfzehn Uhr war es dann soweit. Wir liefen aus. Unter Motor glitten wir langsam durch die enge Hafenausfahrt, wo das Wasser vor Unmengen von Quallen violett schimmerte. Erst als wir die schützende Mole hinter uns ließen und die frische Brise des offenen Meeres unsere Gesichter streifte, erinnerte ich mich an den Seegang bei meiner ersten Segelfahrt auf dem Neusiedler See. Wir hatten damals relativ hohe Wellen welche sich jedoch jetzt zum Vergleich, als lächerlich herausstellten. Schon damals erregte der – sich nun als harmlos herausgestellte – Seegang, den Unwillen meiner Magengegend, was ich ebenfalls noch in guter Erinnerung hatte. Was sollte da noch auf mich zukommen? Nun, der frische Wind kam uns mehr als gelegen und wir setzten die Segel. Kam der Wind auch aus der Richtung in die wir wollten, so ging es trotzdem sehr rasch hinaus auf die offene See und wir kreuzten hart gegen den Wind auf. Die ganz beachtliche Krängung und die knapp sieben Knoten Fahrt die wir machten, freuten den am Steuer stehenden Ossi sehr und er rieb sich genussvoll die Hände. Außerordentlich reger Schiffsverkehr herrschte in diesen Breiten. Riesige Tanker und Passagierschiffe kreuzten unseren Weg. Nach anfänglichen Schwierigkeiten beim Wenden, wir waren nicht schnell genug und es dauerte bis jeder wusste welche Handgriffe zu tun waren, ging es dann schon ganz gut. Zumindest bemühte sich jeder nach Leibeskräften, um sich nachher beim anschließenden Manöverschluck ausgiebig laben zu können. Ossi bestand darauf, da er als Mann am Steuer die höchste Verantwortung zu tragen hatte, dass das Sprichwort „Mann am Rohr geht vor“, striktest eingehalten wurde. Da er jedoch als eingeteilter Smutje vorrangig für das leibliche Wohl der Mannschaft verantwortlich war, musste er alsbald unter Deck um die hungrigen Mäuler mit Nachschub zu versorgen. An seiner Stelle stand nun Gernot und erfreute sich der vorrangigen Stellung bei der Durchführung des Manöverschlucks. Die Aufgaben an Bord teilten sich wie folgt. Ossi und Poldi waren in die Pantry abkommandiert und für Essen und Trinken zuständig. Beim Trinken konnten sie nicht viel verhauen. Das Essen jedoch, das zu beschreiben, da würde kein Seemannsgarn lange genug sein.

Es ergab sich durch blöde Rederei, dass jeder – je nach seiner Funktion – spaßhalber als „Hua“ bezeichnet wurde. So gab es neben den beiden „Kouchhuan“ eine „Finanz- oder Zoihua“. Das war Gernot. Er verwaltete die Bordkassa, finanzierte Einkauf und Abendessen, sowie alles was zu bezahlen gefordert war. Da waren dann Fritzi und Fredi, die beiden „Aungahuan“. Sie waren besonders arg dran. Denn schon beim Ablegen in Kalamaki stellte sich heraus, dass die Motorwinsch defekt war. Sie funktionierte nicht einmal mit Handbetrieb. Der Anker musste jedes Mal händisch hochgeholt werden, was sich bei Seegang oder festsitzendem Anker als Schwerarbeit entpuppte. Mani als B-Segelscheinanwärter, wurde als Navigator unter direktem Kommando des Skippers, also als „Navihua“ eingeteilt. Wären wir strikt seinen errechneten Kurs gefahren, so würden wir heute noch zwischen den Kykladen im Kreise segeln, während er sich als „Bodhua“ genüsslich, im gemeinsamen Bad seinem überaus stark entwickelten Reinigungsdrang hingibt.

Dann war da noch Werner, dessen Aufgaben nicht genau ersichtlich waren. Er zog dann und wann an einem Fall oder einer Schot und stand immer mit guten großväterlichen Ratschlägen zur Seite. Auf Jeden Fall wusste er uns jeden Morgen auf die unsanfteste Art und Weise zu wecken, was ihm deshalb den Namen „Weckhua“ einbrachte. Da Fritz der ältere, keiner speziellen Aufgabe zugeordnet werden konnte, sondern trotz seiner zwei linken Hände alle Arbeit alleine machen wollte, war es auch nicht einfach einen Namen für ihn zu finden. Er steckte voll Energie und Draufgängertum seinen Kopf und seine Hände überall hinein wo es Arbeit gab. So wurde Fritz, allgemein, je nach seiner Tätigkeit, als die jeweilige Hua bezeichnet. Günther, unser Skipper, war ein Vater für seine Mannschaft, ein Fels in der Brandung mit unerschütterlicher Geduld. Als Kapitän dessen seelisches Gleichgewicht selbst Orkane zum Erliegen brachte, verdiente er die Bezeichnung „Chefhua“. Er war in allen seinen Entscheidungen, schienen sie auch vorerst etwas unverständlich, richtig gelegen. Ein Mann dem man die Verantwortung über Schiff und Mannschaft nicht nur anvertrauen konnte, sondern der sie auch nach bestem Wissen und Gewissen trug. Sicherheit war bei ihm erstes Gebot. Das sollte uns noch zum Vorteil gereichen. War er an Deck, so konnte keine Bö so arg und keine Woge so hoch sein, dass wir nicht mit Hurra darüber hinwegsausten. Dann bleibt noch meine Wenigkeit. Als „Schreibhua“ war es meine Aufgabe die Erlebnisse für die Nachwelt zu erhalten und niederzuschreiben. Natürlich betätigte ich mich – mit mehr oder weniger Erfolg – bei Arbeiten an Deck, um ebenfalls in den Genuss des Manöverschlucks zu kommen. In weiterer Folge konnte ich mich auch wieder meiner angelernten Fähigkeiten als Tischlergeselle erinnern und kleine Reparaturen nach Sturmschäden durchführen. Als eingeschworene Landratte selten auf dem Wasser zu Hause, war ich bei höherem Seegang keine rechte Hilfe mehr. Ich lag des längeren unter Deck, um nicht täglich das mühsam von Ossi bereitete Mahl, über Bord gehen zu lassen. Teilweise war es ein richtiger Medikamententrip, der sich mit Retsina vermischt, zu beachtlichen, optischen Fehlwahrnehmungen auswirkte.

Es hatte auch jeder seine „Schlofhua“. Nämlich den der mit ihm seine Doppelkoje teilte. Mir wurde Fredi zugeteilt. Wir teilten uns im Bug die Backbordkabine. Die beiden Fritzi’s teilten sich im Bug die Steuerbordkabine. Zwischen den beiden Kabinen war der Nassraum mit dem Yachtklosett, welcher trotz offener Luke, bei starker Frequentierung, unverkennbaren Geruch verbreitete. Im Saloon machten sich Gernot und Mani breit. Die Beiden brauchten nach den üppigen Gelagen nur umzufallen und sie waren bereits in ihren Kojen. Außerdem hatten sie in ihren Stauräumen sämtliche essbare und trinkbare Verpflegung gehortet, was ihnen eine gewisse Wichtigkeit einbrachte. Aber es blieb ihnen auch nicht erspart ihre Ruhepausen zu unterbrechen, weil einer der Crewmitglieder etwas Trinkbares benötigte, was nur allzu oft vorkam. Ossi und Poldi waren in der Steuerbordkabine im Heck untergebracht. So hatten sie gleich die Kombüse vor ihrer Türe und brauchten morgens nur die Augen zu öffnen, um mit der Bereitung des Frühstücks zu beginnen. Die Backbordkabine im Heck belegten Günther und Werner. So hatte jeder seinen Platz und „sei eigene Hua“.

Kapitel 3

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