Von fliegender Jogginghose und Seenotrettung bis Marmeladepalatschinken

Es war ein böses Erwachen, am Morgen des 28. April 1987. Heftige Winde und tobende See unterstützten die Rebellion der Magenwände. Es dauerte nicht lange bis ich mein Opfer dem Meere darbrachte. Bei der ersten Gelegenheit meldete ich mich um das Schiff zu verlassen. Es musste Brot und Wasser besorgt werden. Welch ein Glück war es für mich mit Fritz an Land gehen zu dürfen und Brot zu holen. Auch das Wasserfassen dauerte einige Zeit und als besonderes Glück konnte ich werten, dass der Bäcker, welcher das herrlich duftende Brot von der fernen Hauptstadt der Insel brachte, eine gute Stunde Verspätung hatte und ich die Zeit nutzen konnte meine angeschlagenen Magenwände zu beruhigen. Auch beim Brot besorgen zeigte sich die Mentalität der Griechen. Niemanden beunruhigte es, dass der Bäcker so lange nicht kam. Es sammelten sich die Leute vor dem Geschäft und nutzten die Zeit um Neuigkeiten auszutauschen. Man stand beisammen und keiner kam auch nur auf die Idee sich über die Verspätung des Bäckers zu wundern oder gar sich zu beschweren. Man nahm es einfach hin und machte das Beste daraus. Man spürte förmlich, dass Zeit dort keine Bolle spielte und ich wurde ein wenig neidisch diese Macht über die Zeit nicht zu haben, ja gar nicht haben zu dürfen, da es in unseren Breiten den Untergang bedeuten würde, die Zeit außer Acht zu lassen. War sie noch so schön, die Zeit an Land, so war es auch unumgänglich wieder an Bord zu gehen. Fast gekentert wären wir mit dem kleinen Schlauchboot, als wir gegen die nun schon ganz schön hohen Brecher, zum Boot hinausfuhren. Kaum an Bord, setzte das flaue Gefühl im Magen wieder ein und ich kam nicht umhin meine bitteren Pillen zu schlucken. Die See hatte mittlerweile eine schmutzig braune Farbe bekommen und laut Wetterbericht hatten wir mit Böen bis zu zehn Windstärken zu rechnen. Auch der Regen sollte nicht ausbleiben. Schließlich entschied Günther nicht auszulaufen, sondern besseres Wetter abzuwarten. Die mit uns am Vortag vor Anker gegangene Yacht, war bereits verschwunden und es hätte mich nicht gewundert, wenn es jene gewesen wäre, welche am Tag darauf in Seenot geraten war. Nun da es feststand, dass wir auf besseres Wetter warten würden, konnten wir uns auf einen längeren Aufenthalt einstellen. Fredi begann mit einem Waschtag. Ossi und Poldi sorgten für zweifelhaftes leibliches Wohl und Mani drehte einige Runden mit dem Motorboot. Obwohl Mani nachdem er fast gekentert war, völlig durchnässt im Boot saß und der eisige Wind ihm um die Ohren pfiff, tat es seiner Freude keinen Abbruch, weite Kreise in der Bucht zu ziehen. Ossi überraschte mit zweifelhaftem Auberginengemüse, was durch sein Aussehen eher an die den stürmischen Wogen des Meeres bereits erbrachten Opfergaben erinnerte. Auch die Bratwurst mit dem hohen Fettgehalt, wirkte dem ständigen Auf und Ab und den damit verbundenen Magenkrämpfen, nicht gerade entgegen. Durch das Fernglas beobachtete ich die Wellen, die sich an der steilen Felswand der Bucht mit Getöse brachen und meterhoch in den Himmel schossen, um sich anschließend wieder mit den zurückweichenden Wassermassen des Meeres zu vereinen, als sich plötzlich von oben herab, ein leuchtendes, blaues Etwas in mein Blickfeld schob, um im nächsten Moment einige Meter vom Boot entfernt im braunen schäumenden Meer zu versinken. Es kam wieder hoch und trieb zielstrebig den Klippen entgegen. Jetzt erkannte ich es. Es war Fredis Hose. Die Hose von seinem neuen Bordanzug. So gerne hatte er ihn getragen. Stolz saß er in seinem Anzug, eine Pfeife rauchend, im Bugkorb und berauschte sich daran, dass das leuchtende Blau seines Anzuges über das tiefe unendliche Blau des weiten Meeres triumphierte. Er hatte seinen Anzug nach dem Waschen am Baum festgemacht. Stolz flatterte die Hose im Wind. Kaum zehn Minuten hing sie dort, denn schlecht festgemacht konnte sie dem Wind nicht trotzen, der sein heiteres Spiel mit den aufgehängten Kleidungsstücken trieb. Dann hob sie ab. Entfernte sich rasch in luftige Höhen, um dann, von den Kräften des Windes verlassen, alsbald im Meer zu versinken. Ich schrie auf, und wollte noch ins Beiboot springen, als ich sah, dass dieses voll mit Wasser war und es einem Akt der Selbstzerstörung gleichgekommen wäre mit diesem eine Fahrt zu unternehmen. Fassungslos stand Fredi an Bord und starrte dem langsam entschwindenden blauen Fleck im Wasser nach. Die Hilflosigkeit, tatenlos zusehen zu müssen, wie sein liebstes Stück in der braunen Gischt verschwindet, hat ihm das Herz gebrochen und so manche Lachfalte in seinem Gesicht, wurde zur Kummerfalte der Erinnerung. 

Abends gingen wir gemeinsam an Land. Endlich an die Wogen des Meeres gewöhnt, stellte sich nun das eigenartige Gefühl der Landkrankheit ein. Ein nicht unangenehmes Gefühl des Schwebens, des Dahingleitens. Als hätte einem das ständige Auf und Ab und Hin und Her, berauscht, ja die Sinne betäubt. Sitzt man ruhig im Stuhl, so beginnt sich die Umgebung in Bewegung zu setzten. Die Wände beginnen zu schwanken und man gerät in Versuchung diese Schwankungen mit dem eigenen Körper auszugleichen, was dem Gegenüber annehmen lässt, man sei besoffen. Wenigstens verspürte ich bei diesen Ausflügen ins Reich der Sinnestäuschungen keine Übelkeit und ich konnte den kulinarischen Bedürfnissen meines Körpers freien Lauf lassen. Der Wetterbericht für den kommenden Tag versprach keinerlei Annehmlichkeiten. Zum Sturm kam noch der Regen mit Gewittern. Den Gipfel erreichte die Nachricht, dass zu Hause bis zu sechsundzwanzig Wärmegrade, bei stabilem Hochdruckwetter gemessen wurden. Es war keine Besserung in Sicht. Dabei dachten wir, es könnte nur besser werden. Fredi wollte noch einen kleinen Spaziergang machen, während wir bereits die ersten Drinks zu uns nahmen. Er war schon eine Weile weg, als ich mitten in den Klippen der gegenüberliegenden Bucht, einen gelben Fleck ausmachte. Direkt über den gegen die Felsen krachenden Wassermassen, stand Fredi und hielt nach seiner blauen Hose Ausschau. Ein äußerst gefährliches Unterfangen. Ein kleiner Fehltritt hätte genügt und Fredi wäre in den tobenden Fluten verschwunden. Einige machten sich auf und wollten ihn zurückholen, was sich jedoch als Zwecklos herausstellte. Fredi wusste scheinbar was er tat und nützte jede Chance seine Hose wiederzubekommen. Aussichtslos dieses Unterfangen. Die Strömung war so stark, dass der Sog der zurückweichenden Wellen die Hose sicherlich irgendwo in größere Tiefen gerissen hatte und diese dann in den Felsen hängengeblieben war. Es sollte doch so sein, dass der Blick Fredis auf die sich langsam entfernende Hose, das letzte war, was er von ihr gesehen hat. Mittlerweile hatte es zu regnen begonnen. Auch Fredi war unversehrt wieder zu uns gestoßen. Nach einem guten, ausgiebigen Essen, wollten wir uns sogleich wieder an Bord begeben, um früh in unsere Kojen zu kommen. Doch nun begann erst das schlechte Wetter. Es schüttete in Strömen. Der Wind jagte in fürchterlichen Böen die Berge herab. Himmel und See vermischten sich zu einem grauenvollen, krachenden Getöse. Blitze durchzuckten die Nacht und ließen für einen kurzen Augenblick das ganze Chaos sichtbar werden. In gespenstischem Licht vermochte man unser Boot in der Mitte der Bucht zu erkennen. Zumindest glaubte man ein zum Spielball des Meeres gewordenes Etwas, als unser Boot auszumachen. Die hinter der etwas schützenden Mole gelegenen Fischerboote, schaukelten wie wild nach allen Seiten und einige Fischer versuchten verzweifelt durch dicht holen der Taue das Zusammenstoßen und Kentern ihrer Boote zu verhindern. Wir mussten sofort an Bord. Würde sich der Anker lösen, so würde das Schiff unweigerlich mit der starken Strömung auf die Klippen zutreiben und zerschellen, so lauteten die Aussagen der Einheimischen, die die Tücken der Bucht kennen mussten. Die Strömungsverhältnisse in der Bucht hatte uns ja schon Fredis Hose gezeigt, welche trotz des auflandigen Windes, der sie ja auf den Strand zutreiben hätte müssen, im rechten Winkel dazu geradewegs auf die Klippen zugetrieben war. Also war höchste Eile geboten, an Bord zu gehen und eine Ankerwache einzuteilen. Plastiktischtücher stülpten wir uns über, um uns gegen den Regen zu schützen, was sich als nicht besonders Vorteilhaft herausstellte. Kaum einige Meter im Freien, waren wir bereits völlig durchnässt. Ich zog meine Hose und Schuhe aus, um wenigstens diese trocken zu halten. Das Übersetzen mit dem kleinen Beiboot gestaltete sich äußerst schwierig, zumal es von den hohen Wellen hin und her geworfen wurde , dass es nicht Ärger sein konnte wenn man im Wiener Prater beim Rodeosimulator auf Stufe acht, ohne anzuschnallen Platz genommen hätte. Schon das Einsteigen in das kleine Boot war ein Glücksspiel. Einmal war es hoch oben an der Mole, ja drohte fast an Land geworfen zu werden, dann wieder war es tief unten und es schien ein Sprung ins ungewisse zu werden als Gernot schrie “ Jetzt, schnell, spring “ Gernot erwies sich als sehr zuverlässiger Fährmann. Die Paladia war kaum zu sehen, denn wir hatten vergessen die Positionslichter einzuschalten oder doch zumindest das Toplicht aufzudrehen. So machten wir sie nur dann aus, wenn sie gerade auf der Spitze einer Woge stand und sich ihre weiße Plastikhaut im grellen Schein eines Blitzes für Sekundenbruchteile reflektierte. Auch das besteigen der Yacht von dem kleinen Gummiboot aus war extrem schwierig. War die Yacht eben noch im Wellental und erreichte man die Bootsleiter nicht sofort, so bäumte sie sich steil in die Höhe und man lief Gefahr mit dem kleinen Beiboot unter das Heck der Yacht zu gelangen, was unweigerlich ein Kentern zur Folge gehabt hätte. Viel Mut und Glück war erforderlich, dass wir diesen Abschnitt unseres Abenteuers erfolgreich gemeistert hatten.

Eine gute halbe Stunde hatten wir benötigt, um alle an Bord zu kommen. Völlig durchnässt saßen wir unter Deck und teilten die Ankerwache ein. Es war kalt. Ganze zehn Grad zeigte das Thermometer. Die Aufgabe der Ankerwache bestand darin, sich an Land zwei Anhaltspunkte zu suchen, die bei einer bestimmten Stellung des Schiffes immer die gleiche Peilung ergaben. Sollte sich diese Peilung verändern, so konnte sich nur der Anker gelöst haben und das Schiff abgetrieben sein. In diesem Falle wäre sofort die restliche Mannschaft zu alarmieren gewesen. Ich kam diesmal nicht in den Genuss an der Wache teilnehmen zu müssen. Ich verdrückte mich in meine Koje und bereitete mich vor jeden Moment an Deck zu müssen. Das Ölzeug griffbereit, in voller Winteradjustierung, legte ich mich in meine schwankende Koje. Bevor ich einschlief, hörte ich noch Mani wie er sagte „Ich scheiß mich an, ist das ein Abenteuer, aber wenn wir alle zusammenhalten werden wir auch das überstehen“. So dämmerte ich dahin, und das gleichmäßige schlagen des Großfalls, das unaufhörliche Wüten und Pfeifen des Sturmes und das heftige, nach allen Seiten Hin und Her des Schiffes, verschafften mir eine durch wilde Träume bereicherte Nacht.

Der nächste Morgen brachte keine Besserung. Winde bis vierzig Knoten und meterhohe Wellen machten ein Auslaufen undenkbar. Die Seekrankheit nahm überhand. Ich saß meist an Deck und rührte mich kaum. Poldi erwischte es besonders arg, weil er uns mit Broten versorgte und diese zwangsläufig unter Deck zubereiten musste. Da keine Wetterbesserung in Aussicht war und alles darauf hin deutete, dass wir noch eine Nacht in diesem Inferno verbringen müssten entschied Günther, unseren Ankerplatz zu wechseln. Er wollte das Boot näher an die Mole heran zu den Fischerbooten legen, da es dort doch etwas windgeschützt war und vor allem die tückische Strömung wegfiel. Wir könnten uns so die Ankerwache für die kommende Nacht sparen, meinte Günther, was sofort unsere Zustimmung fand. Etwas mulmig war uns zumute, beim Anblick der schrecklichen, braunen Wassermassen die sich rings um unser Boot auftürmten. Schließlich musste jemand ins Beiboot hinaus und die beiden Anker ausbringen, sowie zwei überlange Achtersprings zur Mole bringen und festmachen. Unweigerlich musste ich daran denken, wie ich aufgewacht war. Halb im Traum nahm ich Rufe wahr“ Mayday, Mayday Help, Help „, vernahm ich eine weibliche Stimme. Es kam aus dem Bordfunkgerät. Positionen wurden durch- und weitergegeben. Die verzweifelten Hilferufe der Caroline Jane, verhallten im Raum. Mani saß am Funkgerät und übersetzte sinngemäß die verzweifelten Hilferufe der englisch sprechenden Frau „Der Motor ist ausgefallen, wir können bei dem Sturm nicht segeln. Wir treiben auf die Klippen zu und sind manövrierunfähig „. Immer wieder ertönte die Aufforderung, die Position durchzugeben, dass ein in der Nähe befindliches Schiff zu Hilfe kommen könnte. Die Verzweiflung der Frau wurde deutlich, als abgesetzte Funksprüche in hysterischen Weinkrämpfen endeten. Als endlich Klarheit über die Position des Schiffes herrschte, kam der enttäuschende Funkspruch, dass keine Hilfeleistung möglich wäre. Die Küstenwache könne nicht auslaufen und ein zur Hilfeleistung fähiges Schiff wäre nicht in der Nähe. Da war mir die Hilflosigkeit des Menschen gegen die gewaltigen Kräfte der Natur bewusst geworden. Nichts tun können, nicht helfen können, mitanhören zu müssen, wie Menschen den Tod finden, ohne auch nur die geringste Möglichkeit zu haben ihnen zu helfen. Es wurde ruhig am Funk. Mani setzte noch einige Funksprüche ab, welche jedoch ungehört blieben. Die Stimmung an Bord wurde nachdenklich. Jeder dankte Gott, in Günther einen Skipper zu haben, der eher übervorsichtig war und dass wir in der vermeintlichen, schlimmen Lage in der wir uns befanden, noch tausendmal besser dran waren, als jene denen jetzt ihre Unvorsichtigkeit zum Verhängnis wurde. Erst in Tinos sollten wir erfahren, dass die Mannschaft des in Seenot geratenen Schiffes nur aus zwei Menschen bestand. Ein Mann und eine Frau. Ein Ehepaar. Der Mann wurde vom plötzlich umschlagenden Baum am Kopf getroffen und erlitt einen Schädelbruch. Es gelang der Frau unter extremsten Bedingungen das Schiff mit dem Verletzten, in den nächsten Hafen zu bringen. Er verstarb jedoch noch ehe sie anlegen konnte. Eine weitere Yacht, unter der Führung eines polnischen Skippers, kenterte und sank, nachdem sie auf Grund gelaufen war. Der Skipper ertrank und die Mannschaft konnte mit einem Hubschrauber gerettet werden. So lernte ich gleich bei meinem ersten Segeltörn die Gefahren des Meeres kennen und richtig einzuschätzen. Irgendwo hatte ich einen Spruch gelesen „Nur Dummköpfe fürchten nicht die See“, fiel es mir ein und ich nahm mir vor mich an diesen Spruch zu halten. Auch wenn die See noch so trügerische Ruhe vorspiegelt, wollte ich immer auf der Hut sein. Eine Hand fürs Schiff und eine für dich selbst. Schon die kleinste Unaufmerksamkeit, eine unkontrollierte Bewegung des Schiffes und du gehst über Bord. Wenn du in deiner Überraschung deine Fehleinschätzung erkennst, ist es zu spät. Du findest keinen Halt mehr. Und bist du erst einmal über Bord so hilft dir auch kein noch so oft geprobtes „Mann über Bord“ Manöver mehr. Noch ehe das Schiff gewendet hat, bist du außer Sichtweite und es ist eher unwahrscheinlich, dass du auf schwimmende Weise ans Ufer gelangst.

Ich gesellte mich zu Fritzi, um den Anker hochzuholen, nachdem wir beschlossen hatten unseren Ankerplatz zu wechseln. Es musste alles blitzschnell gehen, um nicht von der starken Strömung abgetrieben zu werden. Während Gernot und Mani die Achterleinen mit dem Beiboot ausbrachten, holten wir mit viel Mühe den Anker hoch. Günther machte den Motor klar und steuerte das Boot hinter die schützende Mole. Kaum hatten wir abgelegt, sammelten sich die Einheimischen in der Bucht und versuchten uns wild schreiend und gestikulierend etwas mitzuteilen. Wir waren uns nicht einig, was dies zu bedeuten hätte. Während Ossi meinte es wären Anweisungen, einen bestimmten Ankerplatz zu wählen, meinte Werner, dass man uns verjagen wollte, da die Fischer Angst hätten wir würden ihre Schiffe demolieren. Gernot warf ihnen kurzerhand die Leinen zu und machte sie so für unser Vorhaben dienstbar. Nun wurde aus dem blitzschnellen Manöver ein wahrer Alptraum. Der Anker hielt nicht an seinem vorgesehenen Platz und musste mehrmals eingeholt und neuerlich ausgebracht werden. Da dies jedes Mal händisch geschah, waren wir schon fast am Ende unserer Kräfte als er endlich festsaß. Bei jedem misslungenen Ankerversuch, musste wieder eine große Schleife durch die Bucht gezogen werden, um den vorgesehenen Ankerplatz wieder zu erreichen. Als endlich auch die Achterleine festgemacht war, musste noch mittels Beiboot der zweite Anker ausgebracht werden. Bei dieser Aktion war Fritzi’s Ölzeug draufgegangen. Als er von der Yacht in das Beiboot sprang, riss die Hose in zwei Teile und war nicht mehr zu gebrauchen. Das ursprünglich als blitzartiges Ankermanöver gedachte Vorhaben, entpuppte sich als eineinhalbstündiges Fiasko, das unseren ganzen Einsatz forderte. Als wir endlich fest vor Anker lagen, wurde mit einem kräftigen Manöverschluck die Aktion abgeschlossen. Während die Mehrzahl der Einheimischen, welche bei dem Manöver von Land aus mithalfen uns festzumachen, jede Annahme einer Aufmerksamkeit ablehnten, ja sogar beleidigt waren, als wir ihnen eine Flasche Wein anboten, war einer dabei, der seinen Durst keinen Zwang antat. Er leerte mit wenigen Zügen eine eineinhalb-Liter Flasche Retsina, als ob es sich um Wasser handeln würde. Wir gingen sofort an Land. Beruhigt konnten wir das Schiff sich selbst überlassen, da die schützende Steinmole einen wesentlichen Teil des noch immer heftig wütenden Sturmes aufhielt.

Wir beschlossen das Abendessen bei Toni zu uns zu nehmen. Alle waren ein wenig neugierig auf diese Strandtaverne, hatten sie doch das Geschrei der fröhlichen Gesellschaft – an dem Abend als Werner tanzte – zwangsläufig vom Boot aus mitangehört. So baufällig das Gebäude von außen aussah, so gemütlich war es innen. Weiß getünchte Wände wechselten mit roten Draperien, welche kunstvoll über der Theke und an den Wänden hängenden Bildern gestaltet waren. Breite, in geringer Sitzhöhe gemauerte Bänke, weich gepolstert, luden förmlich zum Hinlegen ein. Etwas hoch dazu, waren die Tische geraten. Die Wände hinter den Sitzbänken waren mit bunten, handgewebten Teppichen behangen, um das abfärben der weißen Mauer auf die Kleidung der Gäste zu vermeiden. Ich entdeckte in einem Winkel des Raumes die Reproduktion eines Dali Bildes. Auch die Wand des primitiven Klosetts zierte ein überdimensionaler Druck von Dalis Elefantenschwänen. Schon dieser Umstand brachte dem Lokal meine Sympathie entgegen, da es sich bei Salvator Dali um einen meiner Lieblingsmaler handelte. Man ließ sich tief in die weichen Bänke fallen und fühlte sich wohl. An einem der Nebentische saßen ein Mädchen und einige Burschen welche ich noch vom Vortag in Erinnerung hatte. Sie hatten Werners zügelloses Tanzvergnügen eingeleitet. Auch der hilfsbereite Grieche, der mit einem Zug eine Flasche Retsina fast völlig geleert hatte, war mitgekommen. Dementsprechend war auch sein Zustand. Anfangs sah er sich genötigt, mit einer auf den Kopf gestellten Flasche, Sirtaki zu tanzen, was jedoch nach mehreren zerbrochenen Flaschen den Unmut Tonis erregte. Sobald er sich setzte konnte er seine Augen nicht mehr offen halten. Dann musste der Arme alles über sich ergehen lassen und wurde zum Gespött der Leute. Sie schmückten ihn mit Papierservietten, welche mit Klebeband an seinem Kopf festgemacht wurden. Der Arme musste in seinem Dusel alles über sich ergehen lassen. Sobald er die Augen öffnete, griff er sofort zum Glas. Er trank, stellte es sich auf den Kopf und begann zu tanzen. Und wieder zerbarst ein Glas auf dem steinernen Lokalboden. Da wusste der Koch Rat. Er befestigte ein Glas mit Klebeband auf dem Kopf des Tänzers und ließ ihn gewähren. So war der Tänzer stolz und der Wirt froh, kein Glas mehr zu verlieren. Das Essen war vorzüglich. Ich glaube fast behaupten zu können, dort am besten gegessen zu haben. Von allem wurde serviert. Der Koch führte uns in mehreren Gängen durch das ganze Repertoire seines Könnens. Es war fabelhaft, wie flink er mit der Zubereitung der verschiedenen Fleisch- und Fischsorten war, und mit welcher Präzision er die verschiedenen Speisen aufeinander abstimmte. Zum Schluss fehlten nur noch, eine süße Nachspeise und Kaffee, um das königliche Mahl abzurunden. Anfangs fühlte sich der Koch nicht imstande eine Süßspeise zu bereiten. Erst als Ossi ihm androhte, selbst in seiner Küche Marmeladepalatschinken zuzubereiten, kam er bald mit goldfärbigen Bällchen aus süßem Germteig, welche in Honig getunkt waren. Diese schmeckten traumhaft gut. Die zartschmelzende Honigglasur, welche das knusprige Äußere der goldfärbigen Kügelchen umgab, lies einen Vorgeschmack auf das herrlich weiche Innere erahnen. Hatte man erst einen Bissen im Mund so war der Genuss vollends. Ossi war so angetan von den Künsten des Koches, dass er nicht umhinkam, ihm die Spezialität seiner Küche die Marmeladepalatschinke zu servieren. Der Koch, eifrig an allem Neuen interessiert, stimmte sofort zu und ließ die erforderlichen Zutaten besorgen. Ossi war in seinem Element. Eine relativ moderne Küche stand uns zur Verfügung. Er werkte und werkte wie ein Schwerarbeiter. Der Koch schaute ihm unentwegt über die Schulter und registrierte jede Kleinigkeit mit vollem Interesse. Nun, es war wohl das Mehl, das ein wenig anders war als das unsere. Nach eifrigem Palatschinkenschupfen übergab Ossi hauchdünne Palatschinken an Gernot zum Auftragen der Marmelade. Plötzlich begannen diese wie von Geisterhand getrieben, zu wachsen. Während Gernot die Marmelade aufgetragen hatte, waren einige der Palatschinken zur Zentimeterdicke herangewachsen und hatten in eingerollten Zustand eher das Aussehen einer deftigen Biskuitroulade, als das einer hauchdünnen Palatschinke. Dies tat aber dem Geschmack keinen Abbruch. Obwohl wir schon bis zum Rand hin vollgefressen waren und kaum noch einen Bissen hinunterzubringen glaubten, verzehrten wir an die vierzig Palatschinken ohne mit einer Wimper zu zucken. Jeder der im Lokal anwesenden Gäste beteiligte sich an diesem Palatschinkenschmaus und der über alle Maßen entzückte Koch, verschlang gleich sieben auf einen Streich. Er hatte sie wirklich regelrecht verschlungen. Mit zwei Bissen waren sie in seinem riesigen Brotladen Verschwunden und dann würgte er sie voll Genuss durch seinen Schlund hinunter in seinen beachtlichen Bauch, der sichtlich schon einiges mehr als nur diese paar Palatschinken verdaut hatte. So kam es, dass die Stimmung wuchs. Eine Flasche folgte der anderen und jedes Mal, wenn einer der Einheimischen eine Flasche spendierte, fragten wir höflich nach seinem Namen und sangen ihm zur Ehre ein Lied. Welches sei hier nicht erwähnt, doch Insider wissen bestimmt Bescheid. Nur auf die mangelhafte sprachliche Verständigung war es zurückzuführen, dass sie uns bei fälschlicher Auslegung des Liedertextes, nicht hochkantig hinauswarfen. So aber hatten wir uns prächtig unterhalten. Toni begann zu tanzen. Obwohl er erst kurz zuvor, nach einem langen Arbeitstag als Fliesenleger, in der Taverne erschien, zeigte er keine Müdigkeit und brachte die Stimmung auf Hochtouren. Ossi, Poldi und Werner beteiligten sich an dem Tanz und Toni erklärte die zu vollziehenden Schritte. Bald verwandelten sie sich in perfekte Sirtaki Tänzer und waren nicht mehr zu halten. Wurde vor dem Essen noch Karten gespielt, so dachte jetzt keiner mehr daran seine Nase für verlorene Pummerl zum sogenannten Nasenpatzerl, das außer einer schmerzhaften roten Nase nichts einbrachte, hinzuhalten. Vielmehr hüpften jetzt alle zu den rhythmischen Klängen der einheimischen Musik im Lokal umher und freuten sich des fröhlichen Abends. Zwischendurch stärkte man sich immer wieder ausgiebig mit den köstlichen Getränken, welche in der nun stickigen Schwüle des Raumes, herrlich erfrischten. In diesem Gewühl fröhlicher Heiterkeit, begannen die jungen Griechen, das an ihrem Tisch anwesende Mädchen durch rhythmisches Händeklatschen zum Tanze aufzufordern. Ein äußerst hübsches Mädchen vielleicht siebzehn Jahre alt, schlank und züchtig bekleidet, erhob sich langsam und begann zu tanzen. Bei jedem Händeklatschen, der nun auf dem Fußboden knienden Burschen, zuckte ihr zarter, kindhafter Körper, dass man meinte sie wäre mit ihnen durch unsichtbare Fäden verbunden. Sie breitete ihre Arme aus und ihre schmalen Hüften begannen langsam im Rhythmus der Musik zu kreisen. Der zierliche Leib begann sich zu biegen und zu winden und ihre Augen funkelten wie die Sterne am nächtlichen Himmel. Es war Bauchtanz in höchster Vollendung, welcher das eben noch kindhaft wirkende Mädchen nun mit der erotischen Ausstrahlung einer vollreifen Frau darbrachte. Geschmeidig schlängelnd, bewegte sich ihr lieblicher Körper und die kleinen zierlichen Brüste wippten aufgeregt im Takte der Musik. Uns Seebären, die wir bereits einige Monate, fern der Heimat, die Liebste zu Hause und sie stets im Herzen tragend, auf hoher See verbrachten, führte das Weib in Versuchung und so manchen von uns wurde angesichts solch himmlischer Darbietung die Zunge wässrig. Doch wir blieben standhaft und saßen mit weit aufgerissenen Mäulern da. Starr den Blick auf das erotische Etwas gerichtet, das sich verführerisch zu den Klängen der sanften Musik schlängelte. Als sich Toni erhob und in den Tanz einstieg, wurde es ein äußerst anregendes Spiel, indem er das Mädchen zärtlich umgarnte. Ihre beiden Körper verschmolzen miteinander, ohne sich jedoch wirklich zu berühren. Die erotische Spannung erreichte ihren Höhepunkt, als sich das Mädchen, mit den Hüften schwingend und mit den Armen rhythmische Bewegungen vollziehend, tief nach hinten beugte und Toni zärtlich, ohne sie jedoch zu berühren, über sie kam, um den Akt der Sinnlichkeit zu vollenden. So setzte sich das ausdrucksvolle Spiel weiter fort, um sich immer wieder und wieder zu vollenden. Wie von Sinnen klatschten wir freudig in die Hände und quietschten vor Vergnügen. Das Spiel ging weiter und noch ehe sich Toni setzte, stand einer der jungen Griechen auf und setzte den Tanz fort. Es wechselten Tänzer um Tänzer und ehe ich mich Versah, fand ich mich auf der improvisierten Tanzfläche wieder und wurde von der erotischen Ausstrahlung des Mädchens umgarnt. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen, um nicht vor Verlegenheit im Erdboden zu versinken und versuchte zaghaft mich Schritt für Schritt, an die mir ungewohnte Tanzweise des Mädchens anzupassen. Die Versuchung war groß und ich dachte bei mir nur nicht anfassen, nur nicht anfassen. Dank meiner eisernen moralischen Gesinnung und meiner unerschütterlichen Standhaftigkeit konnte ich der Versuchung der Weiblichkeit widerstehen und den Tanz mit Wohlwollen des Publikums vollenden, was mir einen nicht enden wollenden Applaus einbrachte. Nun kam Mani, der sich mit seinen gelben Gummistiefeln besohlt, auf das Parkett schwang und eifrig im Takt der Musik, der hüftschwingenden Prinzessin aus tausendundeiner Nacht, seine Aufwartung machte. Das feurige Flackern in seinen Augen verriet seine Gedanken und die Ausbeulungen in seinem Jogginganzug machten einiges mehr von seinen innersten Wünschen erkennbar. Doch auch er blieb standhaft. Er beendete den Tanz mit einer herzlichen Umarmung, aus welcher sich das Mädchen nur schwer lösen konnte. Somit die Vorstellung ein abruptes Ende fand. Nun setzte die Gesellschaft fort mit der Vernichtung des im Überfluss vorhandenen Alkohols und so mancher bedauerte es in den frühen Morgenstunden, aus der fröhlichen Runde scheiden zu müssen, um sich den ernsteren Dingen des Lebens zuzuwenden.

Kapitel 5