Patenthalse

Nach dem üblichen Deckschrubben kam kräftiger Wind auf. Bei rauem Seegang ging es mit etwa sieben Knoten unserem Ziel entgegen. Das ständige Auf und Ab und die am Vortag begangenen Sünden begannen sich allmählich zu rächen. Ossi war bleich wie eine frischgekalkte Feuermauer und Poldi verbrachte den halben Nachmittag schlafend an Deck. Auch Günther erinnerte sich des verdorbenen Fisches und brachte dem Meeresgott ein Opfer dar. Mir selbst war es unmöglich unter Deck zu gehen. Sofort wenn ich zum Niedergang schritt und den ersten Fuß auf die Treppe setzte, machte sich ein flaues Gefühl in meinem Magen breit. Die Ungewissheit der nächsten Bewegung des Schiffes, wurde zu einem artistischen Akt der Gleichgewichtsbeherrschung, wobei die Wahrnehmungsfähigkeit für Waagrecht und Senkrecht andauernd getäuscht wurde. Dies führte zu einem gar nicht so unangenehmen Gefühl  – ähnlich eines leichten Rausches – was sich aber mit der Zeit schrecklich auf die Magengegend auswirkte. So stellte sich bei mir schon nach wenigen Minuten unter Deck fürchterlicher Brechreiz ein und ich musste blitzartig raus an die frische Luft. Sobald ich den ruhigen Horizont erblickte, wurde mir wieder besser. So wiederholte sich dieses Spiel mehrmals am Tage. Nachdem wir uns, in einer gegen fünfzehn Uhr, durch das Lee einer kleinen Insel entstandenen Flaute, bei herrlichem Sonnenschein an Deck geaalt hatten, übernahm ich bei neuerlichen Auffrischen des Windes das Steuer. Dieses in mich gesetzte Vertrauen, ehrte mich sehr und stolz stand ich als Rudergänger, immer starr auf den Kompass blickend hinter dem Steuerrad. Ein erhebendes Gefühl ein solches, Schiff in den Händen zu haben, wenn es sich im Winde krängend, die Wellen hinauf und hinunter stürzt. Ich hielt den Kompass besonders genau im Auge und glaubte jede Veränderung hervorgerufen durch das seitliche heranschlagen der Wellen auf das Ruder, ausgleichen zu müssen. Da passierte es. Der Peilstrich begann langsam nach links auszuwandern. Dies jedoch geschieht nur scheinbar, denn der Peilstrich besteht nur aus einer gelben Markierung, die auf das innere des halbkugelförmigen Abdeckglases, das den Kompass schützt, angebracht ist. In Wirklichkeit bewegt sich die im Inneren gelagerte Rose mit der Gradeinteilung in die entgegengesetzte Richtung. So passierte es mir, wie schon so manchem unerfahrenen Rudergänger, dass ich mich zu sehr auf die Bewegungen der Kompassrose konzentrierte und als sich diese nach rechts drehte, glaubte ich diesem mit Gegensteuern nach Backbord entgegenwirken zu können. Nun wurde aber die Rechtsbewegung der Rose immer heftiger und langsam in Panik geratend bewegte ich das Steuerrad immer mehr Backbords. Dann war es soweit. Die Linksdrehung des Schiffes war nicht mehr aufzuhalten und blitzartig drehte die Kompassrose nach Steuerbord. Noch ehe ich mich versah, schlug mit lautem Krach der Baum um. Ich meinte der Mast würde brechen. Mit einem Mal war es aus mit der Idylle an Bord. Werner stürzte an Deck und Poldi riss es gewaltsam aus seinem Tiefschlaf. Während ich endlich begriffen hatte was ich falsch gemacht hatte und das Ruder nun Steuerbords bewegte, stand Werner im Aufgang und schrie: „Anders, anders herum das Steuer“; und ich meinte, dass ich nun erst recht falsch mit meiner Richtungsänderung lag. So drehte ich das Steuer frisch wieder Backbords, so dass das Schiff vollends in die verkehrte Richtung Fahrt nehmen wollte. Erst das rettende Eingreifen Gernots brachte das Schiff wieder auf seinen ursprünglichen Kurs. Durch diese Aktion sind wir, wie sich später herausstellte, ganz beachtlich vom Kurs abgekommen und hatten dann leichte Schwierigkeiten unser Ziel die Ortschaft Kini zu finden. Man erklärte mir, dass das unbeabsichtigte durch den Wind drehen des Hecks schon zu manchem Mastbruch geführt habe, da der Mast solchen gewaltigen Kräften wie bei einer unbeabsichtigten Halse auftreten können, nicht gewachsen sei. Es wäre besser sich nicht so starr an den Kompass zu halten, sondern eher einen Punkt am Horizont zu suchen und diesen mit dem Bug des Schiffes anzusteuern. So könnte man jede Kursabweichung sofort bemerken und dementsprechend reagieren. 0b wohl mir der Schreck in die Glieder gefahren war und meine Knie entsprechend zitterten, behielt ich das Steuer weiter in der Hand und brachte das Schiff unversehrt nach Siros.

Befruchtungstänze und Vermählung