Befruchtungstänze und Vermählung

Nach siebzehn Uhr gingen wir in der Bucht von Kini vor Anker. Eine schöne Bucht. Keine Möglichkeit an einer Mole anzulegen. Nur einige Fischerboote lagen an der Hafenmauer, wo es jedoch zu seicht war, um anzulegen. Ein schöner Strand wechselte mit steilen Klippen, um dann sofort wieder in eine einsame Bucht mit feinsten goldfärbigen Sand, umsäumt von riesigen Bambusplantagen über zu gehen. So war lediglich nach dem Westen einige hundert Meter breit, das offene Meer zu sehen. Gerade aus dieser Richtung sollte sich später der Wind in seiner vollen Stärke bemerkbar machen. Schön war die Insel in der Spätnachmittagssonne anzusehen. Am Hang leuchteten die frisch getünchten Häuser, weithin sichtbar in den kräftigsten Farben. Ein Steinbruch auf dem Gipfel des Berges und auf halber Höhe ein Kloster rundete den herrlichen Eindruck der Bucht ab. Wir landeten mit unserem kleinen Beiboot, was uns anfangs große Schwierigkeiten machte. Es ging kaum ohne nassem Schuhwerk ab. Mit einem ausgedehnten Rundgang in der sinkenden Sonne begannen wir den Abend. Ursprünglich wollten wir auf den Berg hinauf, um das Kloster zu besuchen, was sich dann doch als nicht zielführend erwies, da wir die Entfernung ein wenig unterschätzt hatten. Schließlich machten wir einige hübsche Entdeckungen, wie man sie nur in diesen Breiten machen kann. Wer käme bei uns schon auf die Idee eine ausgediente Klosettmuschel als Blumentopf zu verwenden und so diese in neuem Glanz erstrahlen zu lassen. Und so war es auch nichts Besonderes an den Fahrzeugen der Inselbewohner, Reifen mit einer Profiltiefe von gleich Null vorzufinden. Derartiges habe ich nur noch von spanischen Inseln in Erinnerung. Die Fahrt in einem solchen Fahrzeug musste ein Würfelspiel um Leben und Tod gewesen sein, da der Reifen Gefahr lief jeden Moment zu platzen, so dünn war die Gummihaut über dem teilweise sichtbaren Gewebe. Schmale Gassen und Treppen, wandten sich den Berg hinauf. Zwischen kleinen Häusern, bunten Gärten und Wiesen, fanden sich kleine liebliche Tavernen, aus denen leise griechische Musik ertönte. Einige Männer saßen auf wackeligen Stühlen und genossen die Abendsonne bei geistigen Getränken. Ein lauter Schrei zerfetzte die idyllische Ruhe des Abends: „Tutukuuuuu“, ertönte ein markdurchdringender Schrei. „Tutukuuuuuu“, ertönte es noch einmal. Was dies auch bedeuten mochte, schrien wir es geschlossen lautstark zurück. Da kam Leben in die Taverne. Lauthals prostete man uns zu und gab uns unmissverständlich zu verstehen, dass wir doch Platz nehmen und den Abend genießen möchten, so lange er noch so jung sei. Nun ließen wir uns das nicht zweimal sagen. Vom langen Marschieren sichtlich geschwächt, nahmen wir sofort Platz und der feuchtfröhliche Abend nahm seinen Lauf. Man erklärte uns den heutigen Tag so zu verbringen, dass man nicht das Gefühl habe, etwas versäumt zu haben, denn wer weiß könne man das Verabsäumte am nächsten Tag noch nachholen. Das Leben genießen so lange es einem noch genügend Zeit dazu lässt. Man erklärte uns weiter der Ruf „Tutukuuuu“, sei Ausdruck reiner Lebensfreude und hätte keinerlei besonderen Sinn, außer seine eigene fröhliche Ausstrahlung auch auf andere übergehen zu lassen. Zigaretten und Zigarren wurden ausgetauscht. Einige Runden gingen auf Kosten des Einen oder Anderen und die Stimmung wuchs und wuchs. Die eben noch leise Musik, drang plötzlich überlaut aus den Gassenlautsprechern und vorbei kommende Einheimische bewegten sich rhythmisch zu den ihnen vertrauten Klängen. Ein kleiner unauffälliger Grieche, der mit verschmitztem Lächeln die angebotene Zigarre hinter sein rechtes Ohr steckte, sollte uns im Laufe des Abends noch zu überaus heftigen Lachstürmen hinreißen. Es dauerte nicht lange und wir hatten unseren Normalzustand mit Ouzo und anderen nicht weniger wirksamen Getränken wieder hergestellt. Nun konnten wir getrost dem weiteren Verlauf des Abends entgegensehen.

Das Essen war diesmal wieder ein Gedicht. Wir saßen im strandnahen Restaurant unter einer grünen Laube und stopften uns die Mägen voll. Nach mehreren Flaschen, edlen Weines, tauchte unser Freund Tutuku, wie wir ihn jetzt nannten, wieder auf und heizte die Stimmung an. Mit seinen bestimmt schon sechzig Jahren und einem Lebendgewicht von zirka hundert Kilogramm, tanzte er Sirtaki, dass wir nur so staunten. Wir waren schon so guter Laune, dass keiner mehr an die Rückkehr auf das Boot dachte. So waren wir einigermaßen enttäuscht, als einer der am wenigsten berauschten, das Zeichen zum Aufbruch gab. Gernot spielte den Fährmann, während ich und Werner noch einen letzten Drink in der nahegelegenen Bar am Strand einnahmen. Wir nahmen im Freien unter einem Bambusgedeckten, baufällig scheinenden Flugdach Platz. Das ganze Gebäude schien etwas desolat und dem Einsturz nahe. Umso freundlicher war die Bedienung. Zu jedem Getränk wurden einige Scampi, kleine würzige Fische oder besonders delikat gewürzte Fleischstücke serviert. Der Wirt war äußerst freundlich, sprach sehr gut Englisch und so konnten wir uns eingehend über dieses und jenes unterhalten. Es dauerte nicht lange und es kamen auch Fritzi und Gernot zu unserer Gesellschaft. Der Wirt, Mitte dreißig, gutaussehend mit ungeheurem Temperament, sorgte selbst für Stimmung. Er tanzte nach den Klängen griechischer und türkisch klingender Musik, wobei sich die übrigen Gäste des Lokales auf den Boden knieten und im Takte der Musik in die Hände klatschten. Abwechselnd begaben sich nun die jungen Männer auf den spärlichen Platz zwischen den Stühlen und Tischen. Jeder versuchte nun auf seine Weise, mit den ihm eigenen Tanzschritten, das Publikum zu neuen Applausstürmen hinzureißen. Jeder der Tänzer hatte seine eigene Ausdrucksweise und seinen unverkennbaren Stil. Es hatte den Anschein, der Tanz benötige keinerlei feste, an bestimmte Regeln gebundene Schritte, sondern sei der Ausdruck der Persönlichkeit des Einzelnen. Auch Werner konnte seinen inneren Gefühlen keinen Einhalt mehr gebieten und verfiel in ein regelrechtes Tanzfieber. Kaum hatte er dem Bewegungsdrang seiner Beine nachgegeben, erhob sich vom gegenüberliegenden Tisch ein Grieche. Es war jener der mir schon am späten Nachmittag durch sein verschmitztes Lächeln aufgefallen war. Er war ziemlich klein, hatte etwas zu kurz geratene Beine und seine Kleidung verriet, dass er über den Umweg einiger Gasthäuser, direkt von der Baustelle eines Hauses kommen musste. Sofort knieten die übrigen Gäste im Kreise nieder und feuerten den Tanz der Beiden an. Diese gingen aus sich heraus und legten einen regelrechten Bauchtanz, wie er sonst nur von orientalischen Frauen auf verführerische Weise vorgeführt wird, auf das steinige Parkett. Mit unmissverständlichen Hüftbewegungen deuteten die Beiden ihre gegenseitige Sympathie für einander an. Dies ging so weit, dass sie sich umarmten und mit seltsamen Bewegungen ihre Körper aneinanderschmiegend einen walzerähnlichen Befruchtungstanz vollzogen. Das Gelächter schien endlos. Verständigungsschwierigkeiten schien es nicht zu geben. Gemeinsam ließen wir uns mit den Wogen des unbeschreiblichen Frohsinns mitreißen. Kaum zeigten die Beiden Ermüdungserscheinungen und wollten sich setzen, forderte das rhythmische Klatschen der im Kreise knienden Zuschauer zu neuen Höchstleistungen auf. Und während der Wirt Toni, mit den Zähnen einen vollbeladenen Tisch aufhob und im Kreise tanzte, schien das Lachen und Fröhlichsein kein Ende zu nehmen. Endlich, als die beiden Tänzer ihrer müden Beine kaum noch Herr wurden, setzten sie sich an unseren Tisch und wir leerten noch so manchen Becher. Der kleine muntere Grieche – sein Name war Vangelis – war überglücklich. Er strahlte vor Glück, als ihn Werner einlud die Bruderschaft mit zwei Gläsern Schnaps  zu besiegeln. Vangelis holte aus seiner Tasche zwei Beutelchen aus weißem, schleierartigem Material, welche mit köstlichen, kandierten Mandeln gefüllt waren. Diese öffnete er und bot sie Werner an. Dies sei, so erfuhren wir später, einem Heiratsantrag gleichgekommen und Werner hätte einen Freund fürs Leben in Vangelis gefunden. Mit Hochgenuss verspeisten wir die köstlich schmeckenden Mandeln und gratulierten dem frisch vermählten Paar. Zur Besiegelung des Bundes wurde der Schleier um den Kopf gebunden und es folgte ein herzhafter Bruderkuss. Man versicherte sich ewige Treue und schwor einander schon Morgen wieder zu sehen. Natürlich blieb die allzu übermäßige Alkoholzufuhr nicht ohne Folgen. Noch ehe wir uns unserem Beiboot zuwenden konnten, erlitt Werner einen geistigen und körperlichen Zusammenbruch. Er übergab sich etliche Male und versicherte uns, Morgen ein neues Leben anfangen zu wollen. Nie wieder wolle er sich derartigen Sinnesbetäubungen hingeben und seinen Gelüsten in solch unverzeihlicher Weise freien Lauf lassen. Nach etlichen Verabschiedungen und Händedrücken, begaben wir uns gegen zwei Uhr morgens zu unserem Beiboot, um an Bord zu gehen. Werner konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Kaum hatten wir das kleine Schlauchboot zu Wasser gelassen, stürzte Werner kopfüber in das Boot. So blieb er gleich liegen und rührte sich nicht mehr bis wir ihn unter höchsten Schwierigkeiten auf das Segelboot zerrten. Ohne auch nur einmal über Bord zu gehen, schafften wir es, trotz unseres beachtlichen Alkoholkonsums, Werner an Bord zu bringen. Immer wieder fiel mir das Lied vom betrunkenen Seemann ein, den man in das Beiboot hinauslegt, damit er wieder nüchtern wird. Aber das konnten wir Werner nicht antun, nachdem er uns so köstlich unterhalten hatte. Keineswegs war nun Ruhe an Bord. Natürlich musste Werner seinen Beischläfer aufwecken und ihm in seinem Dusel, von seiner Neueroberung mitteilen, was nicht unbedingt den Tiefschlaf von Günther förderte. Dementsprechend fiel auch die wohlwollende Anerkennung des Kapitäns aus, der es für notwendig hielt, Werner ein größeres Gefäß in die gemeinsame Kajüte zu stellen, um nächtlichen Mann über Bord Manövern entgegenzuwirken. Nicht bedacht nehmend, dass Werner jemanden stören könnte, deutete er die Missbilligung des Schlafgefährten, als reine Eifersuchtsszene und rühmte sich in seinem Alter noch so begehrenswert zu sein. Endlich übermannte ihn der Schlaf und an Bord kehrte Ruhe ein. Niemand hatte zu diesem Zeitpunkt dem regelmäßigen Schlagen des Großfalls Beachtung geschenkt und keinem fiel auf, dass das Schaukeln des Schiffes immer heftiger wurde. Auch Werner, der noch öfter den Gang zum Schiffsklo suchte, um den Entleerungen seines Körpers in jeder Form, freien Lauf zu lassen, bemerkte nicht wie sich die am Vortag noch so liebliche Bucht, in ein brausendes Inferno verwandelte. Wie sollte er auch bei seinem Zustand etwas bemerken.

Von fliegender Jogginghose…

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