Tinos und die Geburt der Eibschis

Als wir in Tinos einliefen, setzte sich endlich Schönwetter durch. Die Sonne stach sofort und im Nu kletterte die Quecksilbersäule unseres Bordthermometers an die fünfundzwanzig Wärmegrade heran. Sofort kümmerte sich Ossi um die Organisation einer Duschmöglichkeit. Als hätten uns die Einwohner schon von weitem gerochen, standen Schlepper im Hafen bereit und boten in billigen Pensionen eine Duschmöglichkeit zu den unmöglichsten Preisen an. Wie gut es gewesen war, dass wir auf Siros einen Tag länger verbrachten, zeigte sich nun. Im Amt der Hafenpolizei wusste man zu berichten, dass einen Tag zuvor noch meterhohe Brecher im Hafen ankamen, die Liegeplätze total überfüllt waren, ja sogar in Paketen ankernde Yachten mitten im Hafen lagen und dem heftigen Sturm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert waren. Der Fährbetrieb war eingestellt und es wäre unmöglich gewesen an der Mole anzulegen. Von den Wassermengen, die über die Mole fluteten, zeugten noch überall im Hafen große Wasserlachen, die bis zu zehn Zentimeter tief waren. Die gesamte Hafenstraße müsste überflutet gewesen sein, so schien es. Das große Reinemachen begann. In einer kleinen, unscheinbaren Pension, konnten wir endlich unseren Körpern eine Generalreinigung zu Teil werden lassen. War das ein Vergnügen. Die beiden Duschen waren hoffnungslos überlastet. Warmwasser gab es nur für die Ersten. Der Warmwasserboiler war sofort ausgesaugt und erholte sich nicht wieder. Auch belegten wir sofort die umliegenden Zimmer mit unseren stinkenden Klamotten und die neuankommenden Gäste mussten mitansehen, wie sich zehn nackte Männer in ihren Zimmern breitmachten. Doch der Wirt war nicht aus der Ruhe zu bringen. Er vertröstete die wartenden Gäste immer wieder und servierte zu unserer Überraschung auch noch gut gekühltes Bier. So wurde es reines Duschvergnügen, was wir über alle Maßen genossen. Da die Geschäfte, auf Grund des Feiertages, alle geschlossen waren, konnten wir ausgedehnte Spaziergänge unternehmen. Das Einkaufen und Bunkern verlegten wir auf den folgenden Tag. Das Wetter wurde immer schöner und es versprach ein herrlicher Sommernachmittag zu werden. Tinos selbst, mit sehr viel Tourismus, einigen Bars und guten Restaurants, ein Wallfahrtsort mit einer groß angelegten Kirche und unzähligen kleinen Kirchen, ein sehr hübscher Ort. Auf den Bergen ringsum, alte Mühlen und eigenartige Gebäude in denen Tauben gehalten wurden. Wir besichtigten eine der alten Windmühlen, welche durchaus noch intakt, von der nicht allzu lange vergangenen, primitiven Arbeitsweise der Einheimischen zeugten. Die Kirchen hingegen, und waren sie noch so klein, drohten vor Reichtum zu platzen. Sie quollen förmlich über vor Kostbarkeiten. Kleine enge Gässchen, mit weißem Marmor gepflastert, wiesen den Weg durch die Altstadt. Vor der großen Wallfahrtskirche war ein großer freier Platz auf dem einige Kinder Fußball spielten. Mit welchem Eifer und Einsatz sie auf dem Marmorboden dem Ball nachjagten, war unbeschreiblich. Davon hätte sich so manche hochbezahlte Fußballmannschaft ein Stück abschneiden können. Noch dazu war der Platz von Autos befahren. Immer wenn ein Fahrzeug um die Ecke kam, sprangen die Kinder blitzschnell zur Seite, einer fasste den Ball und das Fahrzeug fuhr mit unverminderter Geschwindigkeit weiter. Man müsste annehmen, dass dort ständig Kinder überfahren werden, die es nicht mehr rechtzeitig schaffen zur Seite zu springen. Vermutlich haben sich die Kinder daran gewöhnt mit der Gefahr überfahren zu werden, umzugehen, denn alles lief so problemlos, als sei es die natürlichste Sache der Welt mitten im Verkehr Fußball zu spielen. Das kuriose an dem Fußballplatz war auch, dass er zum Tor hin, stark abschüssig war und es somit auch den kleinsten Mitspielern gelang einen Treffer zu erzielen. Es genügte ein leichter Kick und der Ball rollte von selbst ins Tor, so ferne sich nicht der verwegene Tormann mit Todesverachtung auf den harten Marmor stürzte, um den Ball zu ergreifen. Wir feuerten die Jung’s tüchtig an und trieben einige von ihnen zu Höchstleistungen. Es war vollkommene Freude dem spannenden Spiel beizuwohnen. Auf einer kleinen Anhöhe fanden wir ein erwähnenswertes Relikt aus den fünfziger Jahren. Ein Autowrack, das an Lieblichkeit und Schönheit alles bisher da gewesene übertraf. Es war ein riesiger alter Ami- Schlitten, der an die Technik vergangener Zeiten erinnerte. Er musste schon Jahre dort gestanden sein, denn aus den Radkästen wucherten die Margeriten und der Klatschmohn lugte aus dem Motorraum hervor. Der Wagen musste mindestens neun Personen Platz geboten haben. Fragmente der Innenausstattung zeugten von feinsten Ledersitzen und rundum angebrachter Edelholzvertäfelung. Im Motorraum klaffte ein riesiger Dieselmotor mit acht Zylindern, der nach seinem Aussehen zu urteilen, seinem Besitzer schon seit Jahrzehnten keinen rechten Dienst mehr erwies. Trotz der langen Zeit, welche das Autowrack an diesem Platze ruhte, hatte es der Rost bisweilen nicht geschafft, das dicke Blech der Außenhaut zu durchdringen. Auf eine Marke oder Type konnten wir uns nicht einigen, waren jedoch einig, das umweltfreundlichste und schönste Auto der Insel gesichtet zu haben. Es war ein hübscher Anblick, wie sich Fragmente technischer Vergänglichkeit, mit den beständigen Werten der Natur vereinten, ja förmlich überwuchert und aufgefressen wurden von dieser. Ich kam nicht umhin, diesen Augenblick mit meinem Fotoapparat festzuhalten, so faszinierte mich dieses einstige Fahrzeug. Ebenso faszinierten mich die großen Taubenschläge, welche ich in unseren Breiten noch nie zu Gesicht bekommen hatte. Eine eigenartige Ausstrahlung ging von diesen Bauwerken aus. Frei in die Landschaft gesetzt, meist auf einer Anhöhe, ragten sie etwa sechs Meter in die Höhe. Der Grundriss schien ellipsenförmig und die Außenwand war bis auf die halbe Höhe glatt und ohne Fenster oder Luken. Die einzige Öffnung war eine kleine Türe, die ins Innere des Gebäudes führte. In halber Höhe etwa, war der Bau bis zur Hälfte des Durchmessers terrassenförmig abgesetzt und offenbar begehbar. Die zweite Hälfte erstreckte sich noch weitere zwei bis drei Meter in die Höhe und wies auf der dem Meer zugewandten Seite zahlreiche Schlupflöcher für Tauben auf. Diese Seite war außerordentlich schön mit stuckähnlichen Ornamenten verziert. Kleine, zierliche Gesimse verliefen horizontal unter den kleinen Schlupflöchern, welche den Tauben Halt beim An-und Abflug gaben. In vertikaler und diagonaler Richtung angebrachte, kleine Mauervorsprünge, wechselten mit kleinen glatten Flächen, in regelmäßiger, einem bestimmten System folgender Weise. Das ebene Dach des Gebäudes war mit einigen Türmchen und rundum mit Ornamenten verziert, wobei die Türmchen wahrscheinlich der Entlüftung dienten. Verwundert betrachteten wir die eigenartigen Gebäude und stellten Mutmaßungen über deren ehemaligen Verwendungszweck an. So konnten wir uns vorstellen, dass vor gar nicht allzu langer Zeit, das einzige Nachrichtenmittel dieser Inseln die Brieftaube war. Sie konnten bestimmt in der Lage sein, die relativ kurzen Entfernungen zwischen den Inseln zu überbrücken. So könnten die Brieftauben, von den Seefahrern mitgenommen, durchaus leicht ihren heimatlichen Schlag wiederfinden, wenn sie mit Nachrichten von hoher See, oder von entfernten Inseln, abgeschickt wurden. So gesehen war es sicherlich von hohem Wert einen solchen gigantischen Taubenschlag zu besitzen, und diesen liebevoll zu verzieren, mit Blumen zu schmücken und zu pflegen. Ich machte auf Tinos viele Fotos, um anhand dieser, Skizzen für meine Bilder anzufertigen. Wir genossen den Tag noch ausgiebig und gaben uns am Abend den vorzüglichen kulinarischen Genüssen hin, welche diese Insel zu bieten hatte. Während sich ein Großteil der Mannschaft, nach ausgiebiger Völlerei – es gab diesmal einheimische Küche ohne Fisch – an Bord der Paladia begab, verschwanden Poldi und Mani ohne einen Laut von sich zu geben. Keiner hatte bemerkt, dass sie sich unauffällig aus dem Staub gemacht hatten.

An diesem Abend wurden auch die Eibschis geboren. Günther erwähnte beiläufig während eines Gesprächs, dass die Eibschis nicht gerade unwesentlich an den Vorgängen der letzten Tage beteiligt gewesen wären. „Welche Eibschis?“ fragte ich Günther neugierig. Scheinbar ungläubig sah mich Günther an und fragte „Was, du kennst die Eibschis nicht?“. „Nein“, antwortete ich. „Keine Ahnung“. „Na, pass gut auf, Ich will es dir erklären“, meinte Günther und tat ein sehr wissendes Gesicht. Seine Stirnfalten runzelten sich und ich wusste nicht ob ich mich schämen sollte, solch scheinbar einfache Dinge nicht zu wissen. Ich sah die Gesichter der Anderen und merkte am wissbegierigen Blick ihrer Augen, dass sie sich nur scheinbar in wissender Zufriedenheit zurückgelehnt hatten und sehr wohl auf Günthers Ausführungen gespannt waren. „Nun, es gibt drei Arten von Eibschis“, erklärte Günther mit weiser Miene. „Die Landeibschis, die Wassereibschis und die Lufteibschis. Ernährungstechnische Umstände zwingen die einzelnen Arten in gewisse Lebensbreiche. So leben die Landeibschis vom Verzehr der Häuser, Autos, Mopeds, an Land gelegener Schiffe und sonstigem Rat und Unrat, welcher sich an Land befindet. Die Wassereibschis hingegen ernähren sich von Schiffen, Booten aller größen, Unterseebooten, von Fischen und anderem Getier, das sich in den Gewässern dieser Erde bewegt. Die Lufteibschis ernähren sich jedoch von Flugzeugen, Hubschraubern, Vögeln und Insekten, sofern sie sich in der Luft bewegen. Ja sogar das Weltall bleibt von ihnen nicht verschont. Sie fressen sogar Raketen, Sateliten und Raumschiffe. Nach wissenschaftlichen Untersuchungen soll es nun, da seit geraumer Zeit Abfall auf dem Mond zurückgelassen wurde, auch Mondeibschis geben, welche sich stark vermehren und um sich greifen. Sie sind jedoch noch zu wenig erforscht, als dass man sie einer eigenen Spezies zuordnen könnte“. Er unterbrach seine Erzählung und blickte mich forschend an. Er fragte ich ob ich nun begriffen hätte und meinte „Weißt du nun was Eibschis sind?“. Ungläubig war ich seinen Äußerungen gefolgt und ich wartete noch immer auf eine Erklärung, eine Pointe oder ähnliches. „Nein“, antwortete ich und bemerkte wie sich Günther das Lachen bald nicht mehr verhalten konnte. „Na, pass auf“, sagte er und begann neuerlich mit seinen Ausführungen: „Es gibt drei Arten von Eibschis, Landeibschis, Wassereibschis und Lufteibschis. Die Landeibschis ernähren sich von . . . . . .“. Die weiteren Worte versanken im Gelächter. Endlich hatten alle, auch ich, den Nonsens begriffen, den uns Günther um die Ohren schmierte. Es entwickelte sich im Laufe der Zeit eine wahre Eibschiphilosophie, die in den langen, stürmischen Überfahrten die Zeit wesentlich verkürzte. Wahre Club-2 Diskussionen mit Professor Moitaschl, alias Ossi Kohlrübe, der bei seinen Ausführungen über die Existenz der Eibschis, über sich hinauswuchs und in ungeahnte Dimensionen vordrang. Er hatte sein Leben der Erforschung der Eibschis verschrieben, um die Menschen auf deren Existenz aufmerksam und sie mit ihrem Wesen vertraut zu machen. So brachte uns die Geburt der Eibschis noch so manche Zerstreuung an Deck und an Land.

Kapitel 6