Von Großmutter`s Rezept, zweifelhaften Fangversuchen und tödlichen Schlingen

Die Realität kam plötzlich. Der Sturm wütete mit unverminderter Heftigkeit. Ich lag in meiner Koje und war eben dabei, die Gedanken des eben Erlebten zu ordnen, als ich plötzlich einen dumpfen Schlag gegen das Schiff vernahm. Sofort herrschte helle Aufregung an Bord. Günther und Gernot stürzten an Deck. In meinem Taumel begab ich mich ebenfalls nach oben. Sofort schoss mir eisige Kälte in die Glieder. Die Gischt der sich an der Mole brechenden Wellen durchnässte uns in wenigen Sekunden. Das Beiboot war gekentert. Der Wind war unter das leichte Gummiboot gefahren und hatte es umgedreht. Nun trieb es, den Motor kopfüber im Wasser, an der Wasseroberfläche. Da der Motor nur mit Klemmschrauben gesichert war, bestand Gefahr, dass sich dieser lösen könnte und im Meer versinken würde. Unter Todesverachtung stürzte sich Gernot ohne zu zögern, nur mit Unterhose und Ruderleibchen bekleidet in das gekenterte Boot. Sofort stürzten sich die stürmischen Wogen der See auf ihn und wollten ihn Verschlingen. In einem verzweifelten Kampf, auf Leben und Tod gelang es ihm, das Boot umzudrehen und den Motor zu retten. Diese blitzschnell abgelaufene Aktion war notwendig gewesen, um zu verhindern, dass der Motor des Beibootes durch das Salzwasser Schaden davontrug, oder sich gar vom Boot gelöst hätte und im Meer versunken wäre. Gemeinsam gelang es uns den Motor unversehrt an Bord zu heben. Wir hatten Glück. Der Motor funktionierte nach kurzem Reinigen wieder einwandfrei und leistete uns noch oftmals gute Dienste. Trotzdem diese Rettungsaktion nur wenige Augenblicke gedauert hatte, bibberte ich vor Kälte und war heilfroh endlich meinen wohlverdienten Schlaf antreten zu können.

Bis zehn Uhr schliefen wir am nächsten Morgen. Die Situation hatte sich zumindest Wettermäßig zusehends gebessert. Der Wind hatte spürbar nachgelassen. Die Quecksilbersäule unseres Bordthermometers zeigte jedoch nur zwölf Grad und der Himmel war tiefschwarz, als wollte er jeden Moment über uns zusammenbrechen. An ein Auslaufen war wieder nicht zu Denken. Der hohe Wellengang lies auf Unwetter in einiger Entfernung schließen. So beschlossen wir noch einen Tag zu bleiben. Mir war bereits am Morgen schlecht, was bestimmt auf die am Vorabend begangenen Sünden zurückzuführen war. Während Fredi noch immer die Zeit zur Hosensuche verwendete, unternahmen wir ausgedehnte Spaziergänge, auf die Anhöhen der näheren Umgebung. Hier fiel mir nun auf, wie sehr der letzte Winter, mit seinen ungewöhnlich lange andauernden, niedrigen Temperaturen, seine Spuren in der Landschaft hinter lassen hatte.Die Feigenbäume, welche an exponierten Stellen, ungeschützt gegen den Nordwind standen, waren alle ohne Laub. Wie verbrannt sahen sie aus. Fragmente zusammengeschrumpfter Blätter zeigten sich da und dort an den Ästen. An geschützten Orten stehende Bäume trugen zwar Blätter, brachten jedoch äußerst wenige bis gar keine Früchte zu Tage. Auch andere Büsche, wie zum Beispiel der Leander, zeigten an der Wetterseite starke Frostschäden. Wie uns die Einheimischen berichteten, war der letzte Winter der strengste seit dreißig Jahren und für sie noch immer nicht beendet. Überall in den Gasthäusern waren noch provisorische Öfen aufgestellt. Meist Ölöfen, die einfach mit einem Abzugsrohr, das durch ein Loch in der Mauer ins Freie mündete, ausgestattet waren und bis zur Rotglut beheizt wurden. Kamine oder Rauchfänge waren nirgends vorhanden. Offensichtlich waren hier die Winter normalerweise nicht so kalt, dass man jemals einen Ofen benötigt hätte. Eine eigenartige düstere Stimmung erzeugte der Blick in die Ferne, als wir auf dem Gipfel einer Anhöhe rasteten. Der heftige Wind peitschte uns einzelne Regentropfen ins Gesicht. Der tiefschwarze Himmel hob sich scharf ab vom endlos weiten, klaren Horizont. Die Luft war klar und gestattete freie Sicht in alle Himmelsrichtungen. Die leuchtenden, weißen Häuser am Hang gegenüber schienen zum Greifen nahe. Das satte Grün der Insel schuf mit dem tiefen Blau des Meeres, in dem sich die weiße Gischt der sich überrollenden Wellen abhob, einen Pakt der farblichen Harmonie, dem das Schwarz des Himmels einen Hauch von Düsterkeit verlieh. Das Grün der Insel wurde durch meterhohe, unendlich lange Mauern, aus aufgeschichteten Gesteinsbrocken unterbrochen. Diese waren wohl zum Schutz der Erde vor dem alles mitreißenden Wind errichtet worden. Zwischen den Mauern waren Felder bebaut und Gärten angelegt. Ich fragte mich, was es wohl was es für beschwerliche Arbeit gewesen sein musste, diese Steine mit Eseln, oder gar auf dem eigenen Rücken die Berge hochzuschleppen und zu solchen Mauern aufzuschlichten. Vermutlich werden die Mauern heute ebenso wie gestern, auf gleiche Art und Weise Instand gehalten, da keiner der angelegten Güterwege auf die Verwendung einer Arbeitsmaschine schließen ließ. Wir genossen den Aufenthalt und wanderten nach ausgiebiger Rast wieder in die Bucht hinunter. Nach dem Mittagessen – es gab eine Unmenge in Mehl getunkte, frittierte kleine Fische – gingen wir des Nachmittags an Bord, wo wir einen gemütlichen Tag verbrachten. Die kleinen, knusprigen Fische hatten uns derart gemundet, dass wir den ganzen Nachmittag faul und satt unter und ober Deck herumlagen.

Mani versuchte sich als Koch. Er hatte am Vormittag das Schiff auf Hochglanz gebracht und versuchte nun uns mit einem Birnenkuchen zu überraschen. Herrlich sah der Kuchen aus. Hoch aus der Pfanne ragend, goldbraun, die Oberfläche durch kräftige Birnenstücke unterbrochen, stand das Prachtstück von Kuchen auf dem Tisch im Saloon. Das Wasser lief uns im Munde zusammen und hätten wir ihn nicht angeschnitten, so könnten wir uns noch heute am herrlichen Anblick des Kuchens ergötzen. Als ich vom herrlichen Duft angelockt, unter Deck kam, sah ich bereits die enttäuschten Gesichter. Jeder hatte ein Stück Kuchen in der Hand und würgte, als hätte man ihnen die Kehlen zugeschnürt. Ein gezwungenes Lächeln im Gesicht und einige tröstende Worte der Anerkennung für Mani, ließen die durch den Duft des Kuchens erweckten Hoffnungen bald wieder schwinden. Ich schnitt mir ein kräftiges Stück vom Kuchen ab. Zumindest wollte ich dies. Denn als ich ihm mit dem Messer zu Leibe rückte, hatte ich den Eindruck der Kuchen wehre sich aus Leibeskräften. Er bog sich nach allen Richtungen, als wolle er der scharfen Klinge entgehen. Nur unter immenser Kraftanstrengung gelang es mir ein Stück abzuschneiden. Der Kuchen erinnerte ein wenig an Marmor. Nicht wegen seiner herrlich marmorierten Farbe und seines Aussehens wegen. Nein, wegen seiner Härte und seines Gewichtes. Die Schnittfläche des Kuchens war glänzend wie eine Speckschwarte und das Innere hart wie Stein. Genussvoll schob ich ein Stück zwischen meine Zähne und obwohl ich Mühe hatte meinen Mund nach erstmaligen Zubeißen wieder zu öffnen, ließ ich mir nichts anmerken und bekräftigte die Vorzüglichkeit der Süßspeise. Mani war stolz auf sein Werk und wies immer wieder darauf hin, dass das Rezept für diesen Kuchen von seiner Großmutter sei und schon seit Generationen überliefert werde. Nun hatte ich den Verdacht einer seiner Vorfahren war mit einem Sprachfehler auf die Welt gekommen und so wurden bei der mündlichen Überlieferung einige Missverständnisse in die Welt gesetzt. Denn als er erklärte er habe einen ganzen Kilo Mehl, zahlreiche Eier und unseren ganzen Vorrat an Birnen in den Kuchen getan, kamen mir doch Zweifel an den Rezepten seiner hochgeschätzten Großmutter auf. Nach und nach kamen dann doch einige Worte aus den reichlich verklebten Mündern und es wurde leise Kritik in den Raum gestellt. So kamen wir dann zum Schluss, den Kuchen als dritten Anker zu verwenden oder ihn als Köder an einen Angelhaken zu hängen. Letzteres brachte mich und Gernot sofort auf die Beine und wir versprachen den Kuchen doch noch zu verwerten, indem wir einige Fische fangen wollten. Mani war zwar etwas enttäuscht, aber es beruhigte ihn dann doch, seinen Kuchen für überhaupt etwas zu nutze zu wissen. So saßen Gernot und ich an Deck und fischten. Der Vorteil des Kuchens lag darin, dass man sich das Blei ersparte. Der Kuchen war so schwer, dass er samt Haken und Leine wie ein Stein auf den Meeresgrund sank. Natürlich biss nichts. Ossi meinte, die Fische werden sich über uns totlachen. Da kam uns die Idee die Fische durch unsere zweifelhaften Fangversuche derart zum Lachen zu bringen, dass sie in der Tiefe in Sauerstoffnot gerieten. Sie müssten dann auftauchen und nach Luft schnappen. Da wiederum würde uns Manis Kuchen, hervorragende Dienste leisten, denn mit diesem würden wir sie, sobald sie auftauchen, erschlagen und dann an Bord bringen. Nun es blieb bei den zweifelhaften Fangversuchen und unser Vorhaben zeigte keinen Erfolg. So wurde es Abend und wir verköstigten uns mit Schiffsproviant, welcher uns umso besser schmeckte. Wir gingen dann Frühzeitig zu Bett, da wir am nächsten Morgen in aller Herrgottsfrühe, loslegen wollten. Ich hatte mich schon gewöhnt an die Insel und es fiel mir ein wenig schwer mich mit dem Gedanken der Abreise abzufinden. Noch einmal ließ ich in Gedanken die Erlebnisse der letzten Tage Revue passieren, und malte mir aus, was denn noch alles auf uns zukommen werde. Hatten wir doch erst sechs Tage unseres Abenteuers hinter uns. Kurz nach sechs Uhr ertönte das Nebelhorn und kündigte einen schweren Tag an. Das Wetter hatte sich nicht wesentlich gebessert, doch entschlossen wir uns dennoch die Überfahrt nach Tinos zu wagen. Wir nahmen nur ein karges Frühstück zu uns. Keine schweren Sachen wie Eier oder Speck, denn die Erfahrung hat gezeigt, dass sich diese mit der rauen See nicht sehr gut vertragen und meist in einem lauten Gebrüll über die Reling enden. Am besten bewährten sich kleine Imbisse, wie Weißbrot, etwas Gemüse oder Obst und dazu warmer Tee oder Suppe. Mit gemischten Gefühlen stachen wir kurz nach sieben Uhr in See. In Ölzeug gehüllt und mit Sicherheitsleine angegurtet, führten wir unter einigen Schwierigkeiten unsere Manöver durch. Nur die Durchführung des obligaten Manöverschlucks bereitete offensichtlich keine Schwierigkeiten. So kam ich mit Gernot in beträchtliche Meinungsverschiedenheiten über die Art und Weise des Anlegens der Sicherheitsleine. Während er der Meinung war diesen durch hineinschlüpfen mit den Armen anzulegen, wobei es ihm im Ernstfall wahrscheinlich den Brustkorb eingedrückt hätte, war ich der Meinung diesen anzulegen, indem ich mit den Beinen durch die Schlingen schlüpfte. Dies erwies sich allerdings auch nicht als der Stein der Weisen, da ich meinen Allerwertesten, welcher nicht gerade das Ausmaß eines zarten Kinderpopos zeigt, trotz aller Anstrengungen nicht in die vorgesehenen Schlingen brachte. Erst nach längerem Hin und Her, einigten wir uns auf eine Anlegeart, durch die wir uns im Notfall wenigstens nicht selbst strangulierten.

Der Wind kam natürlich wieder aus unserer Fahrtrichtung und wir mussten mühsam gegen den Wind aufkreuzen. Das Schiff bäumte sich in den Böen auf, als wollte es jeden Moment umschlagen und kentern. Die Krängung des Schiffes war oft so arg, dass die am Vorschiff, steuerbords an der Reling befestigte Passerella völlig unter Wasser stand. Unsere Segelfläche war einfach zu groß. Bei den widrigen Verhältnissen war es nicht ganz ohne, das Segel zu reffen. Während die Genua, mit einer Rollvorrichtung ausgestattet, keine Schwierigkeiten machte, war das Reffen des Großsegels regelrechte Schwerarbeit. Zu dritt hingen wir wie hilflos am Baum und wurden von diesem hin und her gerissen, als wollte uns ein wildgewordenes Tier abschütteln. Wie beruhigend war der Gedanke mit der Sicherheitsleine an einer der Wanten zu hängen, denn die wilden Bewegungen des Schiffes erlaubten keinen noch so geringen Fehler. Eine kleine Unaufmerksamkeit, eine überraschende Bewegung des Schiffes und es hätte fatale Folgen haben können. So mussten wir gerade zu diesem Zeitpunkt feststellen dass die Reffvorrichtung am Großsegel nicht in Ordnung war. Es fehlten Bändsel und Seile waren falsch eingefädelt, was ein rasches Manöver unmöglich machte. Das Segel schlug wie wild und die mangelhaft genähten Lattentaschen platzten auf. In weitem Bogen flogen die Segellatten davon und verschwanden in den schäumen Wogen.

Nur durch vollen Einsatz und spontanen Improvisierens, gelang es uns, das Segelausmaß auf die dem Wind entsprechende Größe zu bringen. Mit über acht Knoten Fahrt kreuzten wir unserem Ziel entgegen. Gegen Mittag besserte sich die Situation zusehends. Der Himmel lichtete sich und vereinzelt ließen die Wolken die Sonne durchblinzeln. Die Stimmung an Bord stieg und Mani verzehrte die letzte Birne, welche im Beleuchtungskörper des Saloons bislang fahles Licht verbreitete. Tee und Brote wurden zubereitet, wobei das Aufkochen des Wassers an gewisse Schwierigkeiten gebunden war. Mani mit seinem Geschick alles zu zerstören was er in seine Finger nahm, hatte am Vortag zu seinem Kuchen Tee serviert. Er nahm die Kanne mit heißem Wasser und wollte sie am Griff hochheben, doch die Kanne blieb stehen. Den Griff hatte er in der Hand. Wie er das angestellt hatte, ist mir bis heute rätselhaft, da der Griff mit der Kanne verschweißt war und sich diese Schweißnähte wie Butter gelöst hatten. Nun war es für Ossi und Poldi gleichsam eine artistische Höchstleistung, die nach oben halbkugelförmige Teekanne mit dem siedend heißen Wasser vom Herd zu nehmen, ohne sich gehörig die Finger zu verbrühen.

Eibschis…