Kapitel 6: Deutschkurs mit Alptraum

Irgendwann fiel einem von uns auf, dass Mani und Poldi nicht an Bord waren. Wir wunderten uns, denn es war schon kurz vor Mitternacht. Die Stimmung war bereits derart angeheizt, dass ich mich nicht entschließen konnte, schlafen zu gehen. Gernot schloss sich mir an, als ich sagte, ich werde mich im Hafen noch ein wenig umsehen. Wir klapperten gemeinsam die Bars und Hafenkneipen ab. Die Lokale standen bereits leer, nur hie und da einige hartnäckigen Griechen, welche wie wir, die Nacht zum Tage werden lassen wollten. In einer kleinen Bar fanden wir dann was wir suchten. Der Barkeeper stand voll Stolz vor seinem kleinen Reich und wies auf das außerordentlich große Sortiment von Schnäpsen in seinem Laden hin. Er sprach sehr gut Deutsch und nützte das Gespräch mit uns, seine Kenntnisse zu erweitern und zu vertiefen. Im Laufe dieses Gesprächs wurde mir klar, wie schlechtes Deutsch ich doch selbst spreche. Er bestürmte mich mit Fragen, die ich oftmals nur durch unwissendes Achselzucken beantworten konnte und ich bereute erstmals in meiner Schulzeit einen beachtlichen Teil der Unterrichtsstunden geschwänzt zu haben. Die Situation wurde bereits unangenehm und hätte nicht Gernot helfend in das Gespräch eingegriffen und das Thema auf die weitere Flüssigkeitszufuhr gelenkt, so hätte ich mich zum Schluss noch blamieren müssen, als Österreicher nicht Deutsch zu können. So war nun der Barkeeper an der Reihe. Nun musste er zeigen, was er konnte. Zu seinem Leidwesen stellte sich heraus, dass die vielen, in prächtiger Formation an der Glaswand der Bar aufgereihten Schnapsflaschen leer waren. Er konnte keinen unserer Wünsche erfüllen und es blieb nur noch übrig, dass Gernot aus den wenigen, vorhandenen Getränken einen Drink zusammenstellte, der sich gewaschen hatte. Nicht nur die Wirkung dieses Getränkes war phänomenal, sondern auch der Preis. Offenbar hatte der Wirt zur freien Getränkevermischung, auch das System der freien Preisgestaltung angewendet, denn als wir nach einigen dieser Getränke, frühmorgens die Rechnung verlangten, konnten wir gerade noch, durch zusammenkratzen der allerletzten Drachmen, ein begleichen der Rechnung, in Form von Dienstleistung verhindern. Nun hatten wir nach dem Kampf mit der Rechnung auch noch den mit den Folgen von Gernots Kunst Getränke zu mischen, auszutragen. Schlängelnden Kurses steuerten wir dann unsere Paladia an. In der Dunkelheit des Hafens, schoss dann noch ein donnerndes Etwas, blitzschnell an uns vorbei und winkte mit Händen und Füßen. Es war der Barkeeper auf seinem Motorrad. Natürlich ohne jede Beleuchtung, seine Frau hinter ihm auf dem Sozius und seinen vierjährigen Sohn vorne auf dem Fahrzeugtank, rauschte er in Haaresbreite an uns vorbei und verschwand in der Dunkelheit. Als wir an Bord kamen waren Poldi und Mani bereits in ihren Betten verschwunden. Manis Zustand war grauenhaft. Was musste er in dieser Nacht durchgemacht haben. Wir kamen nicht umhin ihn zu wecken und ihm einen frühmorgendlichen Erfrischungstrunk anzubieten, was ihn scheinbar nicht besonders erfreute, da sich seine Magenwände sofort nach außen stülpten, als er den Metaxa nur roch. Er beteuerte nur immer wieder, dass er in der Disco die besten und billigsten Cola-Whisky, offenbar über seine Leistungsfähigkeit hinaus, in großen Mengen genossen habe. Er und Poldi waren mit einem Taxi in den Nachbarort, in eine Disco gefahren und hatten dort einen feuchtfröhlichen Abend verbracht. So ließen wir Mani seine wohlverdiente Ruhe und begaben uns in unsere Kojen, um die wenigen Stunden Schlaf die uns noch blieben zu nützen.

Es war so dunkel, dass ich meine Hand vor Augen nicht sehen konnte. Wie war ich in den Tunnel geraten? Er war so eng, dass links und rechts neben den Geleisen kaum ein Mensch Platz fand. Ich musste raus. In der Ferne glaubte ich einen winzigen hellen Punkt zu sehen und ich begann zu laufen. Immer wieder stolperte ich über die hölzernen Schwellen, kam fast zu Sturz, rappelte mich mühsam auf und lief weiter. Immer auf den hellen Fleck zu, welcher sich mehr und mehr zu entfernen schien. Ein leises Dröhnen war zu hören. Die Tunnelröhre begann zu vibrieren und die Gleise begannen ein leises Lied zu summen. Das Dröhnen verstärkte sich zusehends und in weiter Ferne ertönte ein Horn. Der Zug! Wie ein Blitz schoss es durch mein Gehirn. Der helle Punkt in der Ferne war plötzlich verschwunden. Der Zug musste mir entgegen kommen. Instinktiv drehte ich mich um und begann in die entgegengesetzte Richtung zu laufen. Ich rannte in die pechschwarze Nacht. Meine Beine spürte ich kaum. Wenn ich auch all meine Kraft zusammennahm und mit höchster Anstrengung meinen Lauf beschleunigte, so kam es mir trotzdem vor, als würde ich mich im Zeitlupentempo bewegen. Der kalte Schweiß trat mir auf die Stirn und das Herz schlug mir bis zum Hals. Wieder ertönte das grässliche Horn und das Dröhnen der Maschine wuchs allmählich zu einem fürchterlichen Getöse heran, welches sich hinter meinem Rücken aufbaute wie eine bedrohliche Wand, die jeden Moment über mir zusammenbrechen konnte. Da war es wieder, das Licht; das musste der Ausgang sein. Ich versuchte verzweifelt mein Tempo zu erhöhen, doch je näher ich mich dem Ziel glaubte, desto weiter entfernte sich das Licht. Ich glaubte meine Schädeldecke würde zerspringen, mit solcher Wucht presste sich der grässliche Ton des Horns in mein Bewusstsein. Nahe, bedrohlich nahe war es nun und das Brüllen der Lokomotive umfing meinen Körper, als meine Beine den Bodenkontakt verloren hatten. Wie das heulen einer Sirene vernahm ich halb in Trance das unerträgliche Tuten und eine Stimme die rief „He, auussa, auussa, gemma auussa“. Ich schlug die Augen auf und sah in die vertrauten Augen Werners, der die Mündung des Nebelhorns dicht an mein Ohr drängte und aus Leibeskräften hinein blies. Ungläubig sah er mich an, als ich bloß mit einem glücklichen Lächeln, auf die nicht gerade sanfteste Art und Weise geweckt zu werden, reagierte. Ich war gerettet.

Kapitel 7

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