Kapitel 7: Blutige Nadeln, Angeln die Zweite und Popcorn

So begann ein Morgen voller Aktivität. Segellatten Leinen und Schnüre mussten besorgt und das Großsegel  geflickt werden. Wir begannen das Schiff wieder zu bunkern und für das Auslaufen klarzumachen. Nur allzu freundlich waren auch die Bewohner dieser Stadt. Überall unterstützen sie uns bei unserem Bemühen, unsere Paladia wieder Seetüchtig zu machen. War es ein alter Schuster der mit Garn und Nadel aushalf, so gab es in der Stadt einen jungen Tischlermeister, der über eine Stunde bemüht war, uns mit der Herstellung von Segellatten dienlich zu sein. Um den sprachlichen Schwierigkeiten entgegenzutreten, setzte er fernmündlich seine junge Frau als Dolmetsch ein. Sie erklärte mit lieblicher Stimme eine Deutsche zu sein und uns überaus gerne helfen zu wollen. So wechselte der Telefonhörer ständig zwischen uns hin und her bis unsere Wünsche zur vollsten Zufriedenheit erfüllt waren. Als der Meister dann auf die Frage was wir denn schuldig wären bloß ab winkte und meinte dies sei doch kaum der Rede wert, fand er unsere aufrichtige Bewunderung. Wo würde es das bei uns noch geben, dass es jemanden von Herzen freut dem Anderen eine Gefälligkeit zu erweisen ohne sich jeden Handgriff honorieren zu lassen? Umso mehr schämte ich mich, als ich bereits wieder auf hoher See, mit tiefsten Bedauern bemerkte, dass ich in meiner Jackentasche das bestimmt nicht billige Maßband des Meisters verwahrt hatte. Ich hatte es mir geborgt um die benötigten Hölzer abzumessen und im Eifer des Gefechtes vergessen es zurückzugeben. Eine schöne Meinung musste er von uns haben. Am liebsten wäre ich zurückgeschwommen, um das Maßband zurückzugeben. Ich schämte mich in Grund und Boden. Eine Höchstleistung der Zusammenarbeit war das Segelflicken. Während Fritz das Leinen krampfhaft festhielt, stieß ich mit einem Nähhandschuh die dicke Nadel durch das starke Segeltuch und Mani zog die Nadel auf der anderen Seite mit der Kombizange heraus. So stachen und zwickten wir uns gegenseitig die Finger blutig und fügten uns Verletzungen zu, dass wir nach dieser Aktion fast um Versehrtenrente ansuchen hätten können. 

 

Es dauerte bis gegen Mittag, bis wir endlich auslaufen konnten. Kein Wind regte sich und wir motorten mit eingeholten Segeln gegen Mykonos zu. Nach dem obligaten Deckschrubben, genossen wir die angenehme, ruhige Überfahrt und bald waren die Strapazen der letzten Tage vergessen. Gegen vierzehn Uhr trafen wir im Hafen von Mykonos ein. Nun hier sollten wir endlich kennenlernen, was Tourismus in Griechenland bedeutet. Obwohl noch lange keine Hauptsaison, quoll das kleine Hafenstädtchen über mit sonnenhungrigen Touristen, die sich in den Vorgärten der Strandkneipen in der Sonne aalten. Eine riesige Fähre legte mehrmals täglich an der Hafenmauer an und brachte geradezu richtige Flutwellen von Touristen, die die kleine Insel überrannten. Einige hundert Meter draußen lag die Astor vor Anker. Jenes Schiff, welches vor einiger Zeit Südseeträume in die Wohnzimmer der Mitteleuropäer brachte. Diesmal brachte sie wahre Alpträume von Touristenmassen über das kleine Hafenstädtchen. Schon die Beiboote waren bald viermal so groß wie unsere Paladia und fassten sicher weit über hundert Personen. Ständig pendelten zwei dieser Boote zwischen der Astor und dem Hafen hin und her und sorgten für überfüllte Straßen, Geschäfte und Gaststuben. Wir gingen an Land und ließen uns sofort von den Touristenmassen mitreißen, in die idyllische Enge der schmalen Gässchen, wo wir zwischen Souvenirläden, Restaurants und Boutiquen alsbald die 0rientierung verloren und ziellos im Kreise umherirrten.

In grellem Weiß leuchteten die Häuser und Kirchen des Städtchens in der Nachmittagssonne. Die schmalen Gässchen schlängelten sich kreuz und quer zwischen den Häusern der Altstadt und waren ebenso weiß getüncht wie die Häuser selbst. Kein Stäubchen Schmutz störte diese, fast sterile Reinlichkeit. Zahllose Blumentöpfe umsäumten die Häuser. Wahre Blütenregen hingen von den Balkonen und Fenstern und schmückten so die Fassaden der Häuser. Hier wurde augenscheinlich, dass es möglich ist nach den Bedürfnissen der Menschen Städte zu bauen. Nicht Fahrzeuge und Maschinen standen dort im Mittelpunkt des Geschehens, sondern der Mensch. Während bei uns alles breiter und breiter wird um den Fahrzeugen Platz zu schaffen, gestattete dort die Enge der Gässchen nicht einmal das Befahren mit einem Fahrrad geschweige denn mit einen Motorrad oder Auto. Ist es bei uns das stinkende Auto, welches das Ortsbild eines jeden noch so kleinen Dörfchens prägt, so sind es dort die unzähligen duftenden Blüten, liebliche kleine Geschäfte, Werkstätten und eine Vielzahl kleiner Kirchen, die dem Städtchen den Eindruck eines riesigen Hauses mit all seinen Räumen und Nebenräumen verleihen. Die Gässchen wirkten wie ein einziger Hausflur mit zahllosen Vorräumen, Treppenhäusern und Veranden, welche die einzelnen Wohnungen miteinander verbinden. Man fühlte sich sofort wohl, zwischen den kühlen Mauern der Häuser und bald fanden wir eine kleine Strandkneipe mit Blick zum Meer, in der wir uns mit einigen kühlen Drinks erfrischten. Doch der Massentourismus hatte auch hier seine irreparablen Spuren hinterlassen. Kaum ein Lokal oder Geschäft welches nicht auf die systematische Ausbeutung von Touristen hinzielte. Waren es tagsüber die Boutiquen, die durch Billigware und Massenkitsch die Kauflust der Besucher zu schüren versuchten, so erwachte des Nachts das Leben in den Bars und Diskotheken, die sich – so unscheinbar und versteckt sie am Tage waren – als wahre Lasterhöllen entpuppten. Aber ehe wir uns in das sündige Nachtleben von Mykonos begaben, lockte Poldi noch mit einem Brotsuppenrezept, das er von seinem Urgroßvater durch mündliche Überlieferung erhalten hatte. Er ließ es sich nicht nehmen uns mit diesem köstlichen Gericht zu überraschen. Ein äußerst sparsames Gericht wie sich herausstellte. Er kochte gute zwei Suppenwürfel in zwei Liter Wasser auf und verlängerte diesen Sud mit einem weiteren Liter Wasser. Während dies abermals aufgekocht wurde, bereitete er köstliches frisches Weißbrot als Suppeneinlage vor. Es wurde sorgfältig in kleine Würfel geschnitten und in einem Stück Butter so lange geröstet, bis es bis zur Unkenntlichkeit verkohlt, zum weiteren Verzehr ungeeignet war. Die kleinen Kohleklümpchen wurden nun mit der Suppe vermischt und brennend heiß serviert. Wer sich die Zunge nicht verbrühte und dadurch des Geschmackssinnes verlustig wurde, hatte noch die Möglichkeit beim Essen die Augen zu schließen, was den Appetit erheblich steigerte. Natürlich wollte keiner das Urgroßvater-Brotsuppenrezept, aus Poldis Familienkochbuch in Frage stellen, oder gar an seinen Fähigkeiten zweifeln. Es war aber doch eine gewisse Verwandtschaft mit Manis Birnenkuchen feststellbar. Wäre doch auch hier möglich gewesen, dass bei der mündlichen Überlieferung ein Beteiligter mit Hör- oder Sprachfehler zugegen war und dementsprechend Unrichtige Informationen weitergeleitet hat. Hätte dann nicht Ossi mit einer deftigen Portion Spagetti ausgeholfen, es wäre so manchem das Brotsuppenrezept im Magen liegen geblieben.

Gernot hatte sich am Nachmittag eine Angelrute besorgt. Er wollte es nicht wahrhaben, in den unendlich scheinenden Weiten des Meeres keinen, wenn auch noch so kleinen Fisch zu fangen. Auch ich war voll Jagdfieber, zumal man hier die Fische sehen konnte die man nicht fing. Sie nahmen wohl das Futter in Form von Brotkrumen und scharten sich in Schwärmen um das Boot wenn man sie fütterte, den Köder jedoch der den Haken umgab, verschmähten sie, als wüssten sie, dass unter dem appetitlichen Happen der heimtückische Widerhaken lauerte. Als dann nach Stunden ein zirka dreiviertel Meter langes Exemplar von einem Fisch, förmlich an meinem Köder roch und ihn kopfschüttelnd ablehnte, gab auch ich meine Bemühungen auf und machte mich landfein. Als die Dämmerung hereingebrochen war, beschlossen wir, uns dem haltlosen Treiben des nächtlichen Touristenübels anzuschließen und begaben uns in die Stadt. Poldi war es, der – nachdem wir uns am Strand bei einigen Bieren gestärkt – entschlossen hatten, eine der hämmernden Diskotheken zu besuchen, durch seine scheinbar ewig jugendliche Aktivität die Tanzfläche zwischen den hübschen jungen Mädchen unsicher machte. Mit offenen Mäulern standen wir da, unsere Cola Whisky Mischungen mit wahren Eisbergen versehen in der Hand und starrten Poldi ungläubig an. Es dauerte dann nicht mehr lange bis unsere Flüssigkeitsaufnahme Wirkung zeigte und wir begannen von einem Lokal in das andere zu wechseln, während wir uns mit der Stimmung des Abends treiben ließen. Je später der Abend wurde, desto schwieriger wurde es in den Lokalen Platz zu finden. Noch dazu weil wir zehn Leute waren und es für den Kellner nicht einfach war die anwesenden Gäste so zu versetzen, dass wir alle gemeinsam an einem Tisch Platz fanden. So trug es sich zu, dass wir in einem Lokal landeten welches halb leer war und auffällig viele Männer anwesend waren. Auch die auffällige, übermäßige Freundlichkeit, mit welcher wir in dem Lokal bewirtet wurden erregte vorerst keinerlei Misstrauen in uns. Bei näherer Betrachtung der im Lokal anwesenden Gäste fiel mir auf, dass einige der Männer regelrecht geschminkt waren und durch ihre weibischen Gesten wurde mir klar wo wir gelandet waren. Ein schrecklicher Anblick wie sich die Männer benahmen. Durchwegs Schönlinge, strichen sich zärtlich durchs durch ihr Haar, stupsten sich an der Nase und tauschten Zärtlichkeiten aus. Der Kellner hauchte in perfektem Englisch, was wir denn trinken wollten? Er empfahl uns natürlich nur das Beste vom Besten. Seine Augen begannen zu leuchten als ihm Gernot mit ebenso sinnlicher Stimme unsere Wünsche äußerte. Gewiss hatte er sich sofort verliebt, denn als er mit den Getränken kam, brachte er zusätzlich eine riesige Portion Popcorn, was uns besonders freute. Es erregte doch in gewissen Maße seine Verwunderung als wir die ganze Schüssel Popcorn in wenigen Minuten regelrecht leergefressen hatten und Gernot mit gekonnten Augenaufschlag um eine weitere Schüssel bat. Man spürte bereits die erotische Spannung welche sich zwischen Gernot und dem Kellner aufbaute und er konnte kaum umhin uns diesen Wunsch zu versagen. Und wieder wurde die Schüssel voll mit frischem Popcorn in kürzester Zeit hinuntergestopft. So fühlten wir uns recht wohl bei der ausgezeichneten Bedienung und wären nicht die hohen, unsere Bordkassa beachtlich belastenden Preise gewesen, so hätten wir uns sicherlich noch eine Weile dort aufgehalten. Langsam wurde es auch Gernot zu brenzlig. Man konnte kaum noch durchs Lokal schauen ohne auf irgendein lächelndes Männergesicht zu stoßen, welches die Lippen zärtlich spitzte und ein Küsschen zu uns herüberhauchte. Es war uns dann doch nicht ganz geheuer und schleunigst verließen wir die Schwulenbar. Lange irrten wir noch in den engen Gässchen der Stadt umher und je größer der Alkoholkonsum wurde, desto schwieriger wurde es sich in dem Gewirr von Straßen und Gassen zurecht zu finden. Noch einmal gerieten wir in eine mit Schwulen übervölkerte Disco. Was sich dort zutrug spottete jeder Beschreibung. Die Männer führten wahre Befruchtungstänze auf, rieben sich während des Tanzes die Ärsche am Penis des Partners und johlten dabei. An den Tischen schmiegten sich männliche Pärchen aneinander, küssten sich innig und vergruben ihre Hände in der Hose des Angebeteten. Und dies alles, als sei es die natürlichste Sache der Welt. Es fanden sich auch einige Mädchen im Lokal. Unbeachtet von den vielen Männern saßen sie an der Theke, unterhielten sich angeregt miteinander und waren scheinbar ein leichtes Opfer in dieser frauenfeindlichen Welt. Es war dann doch nicht so, denn die Mädchen wussten, warum sie ein Schwulenlokal aufsuchten. Sie wollten nicht von Männern angesprochen werden, denn jeder Versuch sie zum Tanzen aufzufordern, oder sie zu einem Trink einzuladen, schlug fehl. Scheinbar waren hier auch die Mädchen gleichgeschlechtlich eingestellt. Wenn sie Kontakt mit Männern hatten, dann nur mit solchen, von denen es offensichtlich war, dass sie sie nicht zu denen gehörten, die mit dem weiblichen Geschlechte vorliebnehmen würden. So waren wir nicht recht willkommen in dieser Disco und stießen ringsum auf Ablehnung. Zu guter Letzt fanden wir doch noch ein Lokal, von dem wir den Eindruck hatten, dass für unser Empfinden normal gesittete Menschen anzutreffen waren. Wir waren nur mehr zu dritt. Gernot Mani und ich unterhielten uns doch noch prächtig mit den Einheimischen. Eine Gruppe junger Leute, denen wir die Geschichte mit den Eibschis hineindrückten und die es wohl verstanden auf diese Geschichte einzusteigen und mit zu scherzen, rückten das Gelächter des ganzen Lokales auf unsere Seite. Es gab kaum einen der nicht wissen wollte, was es denn mit den Eibschis auf sich hätte. So kam es, dass das Lokal Sperrstunde machte als man uns auf die Straße hinausschmiss und sich die angeregte Diskussion weiter und weiter ausbreitete, bis sie schließlich in die am anderen Ende der Stadt gelegene, noch offene Bar vordrang und dort für regen Gesprächsstoff sorgte. Bis sechs Uhr früh dauerte es dann noch bis wir endlich in die Kojen unseres Schiffes kamen und fast bewusstlos in den Schlaf sanken. Ich erwachte erst als wir in Dilos vor Anker gingen.

Kapitel 8

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