Kapitel 8: Von Steinhaufen, Ölpest und Luftanhalten

Ein herrlicher Tag zeigte sich. Die Sonne brannte vom Himmel und ich wusste nun, dass ich die am Vortag begangenen Sünden bereuen würde. Dilos, eine Ruinenstadt, die mythische Geburtsstätte des Apollo und der Artemis, einst das religiöse Zentrum des ägäischen Raumes, war für mich an diesem Tag bloß ein Haufen mehr oder weniger gut aufgeschichteter Steine, welche ich in der brütenden Hitze der Mittagssonne, unter den Qualen des durch den verdammten Alkohol hervorgerufenen Brandes, besichtigen musste. Ossi schleppte uns erbarmungslos zwischen den glühenden Steinen umher und machte uns das Leben zur Hölle. Erst nach Stunden schweißtreibender Märsche, kam ich wieder zu Kräften und es begannen mich die teilweise aus dem dritten Jahrhundert vor Christi stammenden Bauwerke zu interessieren. Es war beeindruckend sich vorzustellen wie das Leben damals ausgesehen haben musste. Kaum zu glauben, dass man schon damals auf Annehmlichkeiten wie sie heute üblich sind besonderen Wert gelegt hatte. So fand man kaum ein Haus in dem es nicht Bäder, Klosetts und Brunnen gab. Zentrale Heizungs- und Belüftungssysteme traten zum Vorschein. Wasserleitungen und Kanäle waren selbstverständlich in allen Wohnvierteln der Stadt. Richtige Geschäftsstraßen, klug durchdacht und sorgfältig angelegt, waren zu erkennen. Hoch entwickelt, die kulturellen Einrichtungen der Stadt, wie das Stadion, das Theater und die vielen Tempeln und Heiligtümer, welche durch ihre Monumentalität einen bleibenden Eindruck hinterließen.

Einen ungeahnten Höhenflug der Fantasie verschaffte die Besteigung des Berges, etwas außerhalb der Stadt. Eine riesige Treppenanlage führte hinauf zum Gipfel wo sich die Reste eines Heiligtums befanden. Von dort aus hatte man die Möglichkeit die gesamte Stadt zu überblicken. Nun war es ein leichtes sich vorzustellen, wie sich das Leben und Treiben vom Hafen weg in die Straßen und Gassen der Stadt ergoss. Man fühlte förmlich, den Menschenstrom in den Straßen, zwischen den Geschäften und vollen Läden, das Treiben am Markt, das Feilbieten und Handeln der Markthändler, das Be- und Entladen der Schiffe im Hafen und das Leben in den Häusern und Tempeln. In meiner Fantasie lies ich die Stadt noch einmal aufleben; versuchte teilzuhaben am Treiben der Vergangenheit und dachte mir, ob nicht doch die kulturelle Entwicklung der damaligen Zeit höher war als sie heute ist. Ich fragte mich ob unsere hohe technische Entwicklung wirklich ein Fortschritt ist, oder ob wir nicht geradewegs in unser Verderben steuern. Vielleicht wird es uns eines Tages ebenso ergehen, wie dem Leben dieser einst so großartigen Stadt. Was mag wohl zum Untergang dieser Insel beigetragen haben? War es der Krieg oder wirtschaftlicher Bankrott? Was sind es für Kräfte die eine Gesellschaft in ihrer höchsten Blüte so vernichten können? Die Antwort auf diese Fragen wird sicher in diversen Geschichtsbüchern nachzulesen und nicht schwer zu beantworten sein, aber unter dem Eindruck des Gesehenen, hoch oben auf dem Gipfel des Berges machte sich in mir eine eher mystische Betrachtungsweise breit. Jäh wurde ich aus meinen Träumen gerissen, als das Zeichen zum Aufbruch kam. Wir wollten um den herrlichen Tag noch zu nützen, in eine der zahlreichen Sandbuchten aufbrechen und uns in die Sonne legen um zu faulenzen, was meinen Bedürfnissen sehr zu statten kam. Ganz in der Nähe, auf der Insel Rinia, fanden wir eine idyllische Bucht, mit weitem weißen Sandstrand, der aus einiger Entfernung ganz gut aussah. Wir gingen in der Bucht vor Anker und einige Crewmitglieder nützten die Zeit um sich am Strand in die Sonne zu legen. Ich ließ mich von Gernot an eine der felsigen Uferstücke bringen, wo ich mit Neoprenanzug und ABC-Ausrüstung ins Wasser stieg um einige Unterwasseraufnahmen zu machen. Ich hatte meine Kleinbild Kompaktkamera in einen wasserdichten Nylonsack gesteckt und wollte diesen auf Funktionstüchtigkeit prüfen. Das Wasser war eisig kalt und es dauerte eine ganze Weile bis sich mein Körper an die Temperatur gewöhnte. Das klare Wasser ermöglichte gute Sichtweiten. Man konnte den Grund auf fünfzehn bis zwanzig Meter einwandfrei erkennen und es machte mir auch keine Schwierigkeiten auf zehn Meter abzutauchen und den Grund nach Sehenswertem abzusuchen. Der Fischbestand in der Bucht war gleich Null. Bis auf einige winzige Exemplare konnte ich nichts Nennenswertes vor meinen Fotoapparat bekommen. Trotzdem verbrachte ich eine gute Stunde im Wasser mit der Beobachtung kleiner und kleinster Lebewesen, welche sich im seichteren Gewässer durch die intensive Sonneneinstrahlung, in ihrer schönsten Farbenpracht zeigten. Faszinierend die Welt zwischen den Felsen und Spalten, wie man schwerelos über sie dahingleitet, ohne die idyllische Eintracht zu stören. Man fühlt sich eins, mit der sonst so fremden Unterwasserwelt. Abgesehen vom ewigen Auf und Abtauchen, was sich beim Schnorcheln sehr mühsam gestaltet, kann man sich bei dieser Art von Unterwassersport völlig ruhig dem Leben unter Wasser nähern. Keine lästigen Luftblasen stören den Frieden und die ständige Abhängigkeit vom Gerät kann vergessen werden. Kein Finimeter oder Tiefenmesser kann vom Eindruck des Erlebnisses ablenken und man kann sich getrost der Faszination Unterwasserwelt hingeben. Immer wieder wird ein noch so unscheinbarer Tauchgang zum unvergesslichen Erlebnis, sei es das Schnorcheln in seichteren Gewässer oder ein Vordringen in die unendlichen Tiefen des Meeres. Immer wieder prägt sich das Erlebte tief ins Innere des Menschen ein, um in so manchen Träumen wieder zum Vorschein zu gelangen und zu erfreuen. So wurde auch dieser kurze Unterwasserausflug zu einem Erlebnis in einer fremden Welt, die mich hier gleichermaßen beeindruckte, wie bei meinen ersten Ausflügen im Atlantik, vor der Küste Teneriffas, als ich mich in diesen Sport verliebte. Mit der Funktion meines Fotoapparates war ich voll zufrieden. Auch in Tiefen bis zu zehn Meter funktionierte er einwandfrei und trug nicht den geringsten Schaden davon. Wieder an Bord genoss ich die Nachmittagssonne, um mich von der Kälte des eisigen Wassers zu erwärmen. Ossi kochte heißen Tee und allmählich machte sich wohlige Wärme in mir breit. Fredi war ausgegangen, um die Insel ein wenig zu erkunden. Günther und Werner lagen noch immer am Strand und wälzten sich in der Sonne. Ossi und Poldi frönten dem Kartenspiel, während Fritzi und Mani das Boot säuberten. Fritzi ließ sich im Bootmannsstuhl am Mast hochziehen und machte einige Fotos vom Top auf das Deck. Es gehört schon einiges an Mut dazu, sich da hinauf zu wagen. Wenngleich nur leichter Wind blies und fast kein Wellengang spürbar war, so schaukelte es in dieser Höhe doch ganz beachtlich und ein Sturz aus mehr als zehn Meter Höhe, wäre sicher nicht ganz glimpflich ausgegangen. Mani und ich beschlossen noch einen kleinen Landausflug zu unternehmen. Wir fuhren mit dem Beiboot in die benachbarte Bucht und suchten die Strände ab. Es war grässlich. Überall wo man nur hinsah lagen dicke Ölklumpen. Manche so groß wie ein Fußball. Berührte man einen der zu Teer eingedickten Klumpen, so blieb das Zeug sofort an der Haut kleben und ließ sich nur mit Benzin entfernen. Unglaublich was diese Öltanker für Schäden anrichten. Kilometerlange Strände versaut und für jedes Leben unbenützbar. Ich hatte nicht geglaubt, dass die Verschmutzung der Ägäis derart fortgeschritten ist. Erst jetzt kann ich mir vorstellen, welche gigantischen Wassermassen ruiniert werden, wenn Berichte durch die Medien geistern, dass ein Schiff leckt und sich quadratkilometergroße Ölteppiche ins Meer ergießen. Wenn Schiffe ihre Öltanks auf hoher See reinigen und dann die Abwasser ins Meer spülen. Es ist erschreckend wenn einem in der Einsamkeit einer abgeschiedenen Insel die Erkenntnis kommt, dass der sogenannte Fortschritt mit dem wir leben, den Tod von tausenden und abertausenden Lebewesen und letztlich auch unseren eigenen bringt. So glaubt man in der Einsamkeit des Meeres dem Wahnsinn des alltäglichen Lebens entrinnen zu können und stellt fest, dass einem die Sünden des Fortschritts auf Schritt und Tritt verfolgen. Wir entdeckten in einer kleinen Bucht einen Salzwassertümpel in dem sich ein Schwarm kleiner Fische tummelte. Sofort erwachte in mir der Jagdtrieb und ich setzte mir in dem Kopf die Fische zu fangen. Es wäre ganz gut gewesen einige Fische beim Abendessen zu verzehren und wenn nicht, dann hätten wir wenigstens ein paar Köderfische zum Angeln gehabt. Doch wollten die Fische alles andere, als in der Pfanne gebraten oder zappelnd auf einen Angelhaken gespießt zu werden. Mit einem gestrandeten Weidenkorb versuchte ich mein Glück. Mani fungierte als Treiber. Laut schreiend, schlug er mit Stöcken aufs Wasser und trieb die widerspenstigen Fische auf mich zu. Doch es machte keiner der hin und hergejagten Fische Anstalten in den von mir bereitgehaltenen Korb zu schwimmen. Wir versuchten es immer wieder und ich hörte schon das Gelächter an Bord, wenn Mani von unseren missglückten Fangversuchen erzählen würde. Mani konnte nicht verstehen, wie man sich so sehr auf den Fang von ein paar kleinen Fischen versteifen konnte, wenn man sie ohnehin in jeder Hafenkneipe kaufen konnte. Schließlich resignierte ich und wir verließen die kleine Bucht ohne Beute. Glücklicherweise war man an Bord schon auf den erfolglosen Fischzug vorbereitet und Ossi hatte mit köstlicher Packerlsuppe und Eierspeise ausgeholfen. Wir entschlossen uns in der Bucht zu übernachten und am nächsten Morgen schon um drei Uhr früh abzulegen, um den langen Törn zur Insel Patmos ohne Probleme an einem Tag zu schaffen. Während Ossi und Poldi noch bis zwei Uhr früh die Karten quälten, legte sich der Großteil der Mannschaft zeitig ins Bett. Gegen zweiundzwanzig Uhr hörte ich zum letzten Mal die Aufforderung „Na geh, schpü scho aus. Kaunst leicht net? Oda wos? Kum ausse, sunst…“.

Kapitel 9

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