Kapitel 9: Seekrankheit; Hilfe, wir sinken oder singen?

Tagwache um drei Uhr. Dementsprechend der Zustand von Ossi und Poldi. Nach einem ausgiebigen Frühstück, was sich noch rächen sollte, liefen wir gegen halb fünf aus. Es war noch tiefschwarze Nacht. Nur einige Lichter von der nahen Insel Mykonos waren zu sehen. Die Sterne waren nur teilweise durch Wolken verhangen und in der Ferne wiesen uns zwei Leuchtfeuer den Weg. Es war nicht sehr kalt an diesem Morgen und wir konnten unsere Bekleidung auf dicke Pullover beschränken. Einen weiten Umweg mussten wir motoren, um in der Finsternis gefahrlos an einigen Untiefen vorbeizukommen. Langsam meldete sich der Tag zu Wort. Mit dem allmählichen ergrauen des Morgens, hob sich der Wind und wir konnten die Segel setzten. Die Sonne kam langsam hoch und wir segelten einem glühenden Feuerball entgegen. Das nasse Deck spiegelte die noch tiefstehende Sonne und tauchte das gesamte Schiff in ein glühendes Rot. Nicht lange hielt der romantische Morgen. Der Wind wurde heftiger und drehte sich unserer Fahrtrichtung entgegen. Wieder einmal mussten wir mühsam gegen den Wind aufkreuzen. Nun es musste so kommen. Ossi und Poldi wälzten sich abwechselnd in ihrer Kabine. Übelkeit machte sich breit. Kurze Gespräche mit Melk wurden zur Tagesordnung. Das ausgiebige Frühstück war noch nicht verdaut, als es ein Raub der Wogen wurde. Gegen neun Uhr hielt ich es nicht mehr aus. Die Nachwehen von Mykonos holten mich ein. Mir war so übel wie schon lange nicht. Ich musste unbedingt in meine Koje.

Wie in Trance lag ich, zusammengekrümmt in meiner Koje. Das Schiff schaukelte wie wild und kaum öffnete ich meine Augen, so begann sich alles um mich zu drehen. Ich war unfähig mich zu rühren. Ich dachte daran, dass ich vergessen hatte meine Pillen zu nehmen. Sie hatten mir bis dahin bei Seekrankheit sehr geholfen. Ich wollte sie auch nehmen, doch ich war nicht fähig meine Tasche zu öffnen und nach den Pillen zu kramen. Auch lies es mein Stolz nicht zu, dass ich um Hilfe gerufen und gebeten hätte, man möge mir meine Medikamente bringen. So lag ich, unfähig mich zu rühren, in meiner Koje und siechte dahin. Wenn das Schiff backbords krängte ging es einigermaßen. Zwar krachte es mit voller Wucht auf jede Welle, was einen ohrenbetäubenden Lärm verursachte, aber ich fiel wenigstens nicht aus meinem Bett. Anders wenn das Schiff steuerbords lag. Da klammerte ich mich verzweifelt an die dünne Schaumgummimatratze, um nicht bei der nächsten Woge aus dem Bett geschleudert zu werden. Halb im Traum nahm ich Stimmengewirr aus der Pantry wahr: „Scheiße, da ist alles nass“. „Der Proviant ist hin; schnell einen Kübel; schöpft schneller, wir haben ein Leck; das Wasser steht schon einen halben Meter hoch; wo kommt das her?“ Der Schreck schoss mir in die Glieder. Jetzt war es aus. Warum musste ich hier auch mitfahren? Was sollte ich ohne Rettungsweste machen, wenn wir sinken, dachte ich mir. Zum Glück hatte ich meine neben mir auf dem Bett liegen. Aber was sollte mir das nützen, wenn ich sie nicht anlegen konnte. Ich war doch nicht mal fähig aufzustehen. Der Schweiß stand mir auf der Stirn. Ich musste etwas tun. Wollte ich überleben, so müsste ich schwimmen. Würde ich es ans Ufer schaffen? Nein nie, dachte ich bei mir. Nicht einmal mit der Schwimmweste würde ich das schaffen. Nach wenigen Minuten schon würde das eisige Wasser für meine Unterkühlung sorgen und ich würde elendig zugrunde gehen. Haie, traf es mich wie der Blitz. Haie sollte es hier geben. Was, wenn sie mich bemerken würden, bevor ich tot bin? Sie würden mich zerfetzen. Ich hatte schon von Fällen gelesen bei denen Schiffbrüchige verstümmelt wurden und dennoch überlebten. Lieber schon würde ich im inneren des Schiffes ersaufen, als von Haien zerstückelt zu werden. In meinen Gedanken formte ich die gehörten Worte zu Bildern und ich sah wie Gernot im knietiefen Wasser, Eimer für Eimer voll mit Wasser zur Decksluke reichte. Günther schrie: „Die Lenzpumpe ist defekt, wir werden immer schwerer!“ „Wir machen kaum noch Fahrt“. Verzweifelt sprang Fritzi in den überfluteten Saloon und schöpfte ebenfalls nach Leibeskräften. „Hier, ein Loch, da kommt Wasser ins Schiff“ schrie Mani. Und in Gedanken sah ich wie er verzweifelt versuchte das Leck abzudichten. Ich musste raus. Ich nahm meine ganzen Kräfte zusammen und zerrte mich aus dem Bett. Kaum hatte ich die Augen geöffnet und berührte den Boden des schwankenden Schiffes, begann mein Magen das reichlich genossene Frühstück hervor zu würgen. Ich musste mich beeilen, um noch durch das Durcheinander des Saloons zu kommen und die Treppe zum Cockpit zu erreichen, ohne die nicht mehr zu haltenden Frühstücksreste gleichmäßig über das Schiff zu verteilen. Ich schaffte es gerade noch bis an die Reling, als ich mich auf das heftigste übergab. Allgemeines Gelächter. Wer den Schaden hat, der hat den Spott. So ist es nun mal im Leben. Nachdem ich mich dermaßen erleichtert hatte, wurde mir gleich besser und ich konnte mir den vermeintlichen Schiffsuntergang näher ansehen. Durch die extreme Schräglage des Schiffes hatte sich das ganze Wasser aus der Bilge auf einer Seite gesammelt und hatte die Stauräume im Saloon geflutet. Sämtliches darin gelagerte Gut war nass geworden. Mit einem Plastikbecher hatte Gernot Wasser abgeschöpft weil die Lenzpumpe nicht saugte. Ein kleiner Holzdeckel im Schiffsboden war eingebrochen. Auch dort hatte sich Wasser angesammelt und unter Deck herrschte ein wahres Tohuwabohu. Alles was nicht niet- und nagelfest verstaut war, war durch den hohen Seegang durcheinander geworfen worden. Alles lag auf dem Schiffsboden kreuz und quer herum und wechselte bei jeder Wende gesammelt auf die gegenüberliegende Seite des Schiffes. Ich war froh, dass mir nur meine Fantasie einen üblen Streich gespielt hatte und es nicht halb so wild war wie ich es mir vorgestellt hatte. Mir wurde dann auch besser und ich verbrachte den Nachmittag an Deck. Ich konnte es mir dann natürlich auch nicht verkneifen verschmilzt zu lächeln, wenn Poldi kreidebleich an Deck erschien und seine Verbindung mit Melk lauthals über die Reling schrie.

Gegen siebzehn Uhr kamen wir sichtlich geschlaucht in Patmos an. Gernot musste feststellen, dass die Bordkassa nicht mehr reichte. Wir hatten keine Drachmen mehr. Um Schecks einzulösen war es bereits zu spät, denn die Banken und Wechselstuben hatten bereits geschlossen. Da wir alle großen Hunger hatten und eine Schiffsmahlzeit nicht gerade das war, was wir uns erhofften, versuchten Ossi und Gernot in einem Restaurant um ein Abendessen zu feilschen. Promt stieg der Wirt darauf ein. Er meinte wegen der Bezahlung sollten wir uns keine Gedanken machen. Wir sollten nur ordentlich essen und trinken und eben am nächsten Morgen bezahlen, wenn wir wieder Geld hätten. Mich wunderte dieses Vertrauen, das der Wirt fremden Menschen entgegenbrachte. Wo wäre solches bei uns möglich? Er ließ tatsächlich zehn fremde Männer fressen und saufen, was und so viel sie wollten ohne auch nur ein Pfand oder irgendeine andere Sicherheit zu verlangen. Er zählte tatsächlich auf das Wort eines Mannes. So kamen wir, trotz dem dass wir keine Drachme in den Taschen hatten, doch noch zu einem wahren Festessen. Während wir uns die Mägen vollstopften, war irgendwo im Lokal eine Stimme zu hören. Eine liebliche Stimme die ein Liedchen trällerte, als ob sich eine Lärche in den Raum verirrt hätte. Eine hübsche, rothaarige Vierzigerin, saß mit ihrem Partner nicht unweit von uns an einem Tisch. Sie nippte genussvoll an ihrem Glas und summte dazwischen immer wieder leise vor sich hin. Dann und wann wurde ihre Stimme voller und sie sang aus voller Brust einige Takte eines Liedes um dann ebenso überraschend zu verstummen wie sie begonnen hatte. Dabei blickte sie sich immer wieder im Lokal herum, um zu sehen ob man sie auch beachtete. Sie freute sich der bewundernden Blicke welche ihr die übrigen Gäste zuwarfen. Je mehr sie bemerkte, dass sie unsere Aufmerksamkeit erregte, desto mehr steigerte sie sich hinein in ihre musikalischen Gefühlsausbrüche. Als wir dann noch einen deftigen Applaus spendeten, war es um sie geschehen. Sie begann ein Lied nach dem anderen zu singen und forderte uns auf doch mitzusingen. Zwar   klangen unsere Stimmen nicht gerade wie die eines Männerchors – man konnte es eher mit dem Röhren von zehn brunftigen Hirschen vergleichen – doch sie freute sich der regen Anteilnahme. Als sich Rita, so war ihr Name, mit ihrem Mann Fleming, dann noch zu uns setzte, war es um uns geschehen. Jeder setzte sein Feiertagslächeln auf und versuchte möglichst charmant seine aufgestaute Männlichkeit an den Mann, oder besser an die Frau zu bringen. Eine Flasche Wein nach der anderen rann durch unsere Hälse und der Alkohol tat das Seinige zum Gelingen dieses frohen Abends bei. Auch Fleming ließ sich nicht lumpen. Er ließ eine Runde nach der anderen springen und freute sich des herrlichen Abends. Rita hatte eine Ausstrahlung auf uns Männer, die wir schon fast zwei Wochen ohne jede weibliche Ansprache auf See verbrachten, die uns fast um den Verstand brachte. Ihre großen blauen Augen drückten aus, was bei Männern eine gewisse Blutleere im Gehirn auslöst. Sah sie einem in die Augen und sang dabei ein gefühlvolles Liebeslied, so wusste man nicht wie einem geschah und es war unmöglich sich ihrem Bann zu entziehen. Wie verzaubert sah Ossi in die Augen dieser ach so wunderbaren Frau. Er ließ aus Leibeskräften seine Stimme ertönen, sodass die Erde bebte. Wie ein Orkan ließ die Stimme Ossi’s den Tisch samt den Gläsern erzittern, was ungeheuren Eindruck bei Rita zu erwecken schien. „Das ist eine Frau“ meinte Ossi zu mir, als ich ihn beiläufig fragte was er denn von ihr halten würde? Er war wie in Trance und kaum ansprechbar. Sie hatte ihn verzaubert. Als dann die ersten Bruderschaftsküsse folgten, war es ganz um Ossi geschehen. Ich musste unweigerlich an Odysseus und sein Abenteuer mit Circe denken, dem es wohl auch ähnlich gegangen sein musste. Ossi sowieso schon im siebenten Himmel, begann Mani mit den Augen zu rollen. Es konnte doch nicht angehen, dass Ossi bloß mit seiner Stimme, die jugendliche Schönheit Manis übertrumpfte. Er ließ die Geige seines Charmes in den lieblichsten Tönen erklingen. Es kam soweit, dass Mani sich als Liedermacher betätigte und das Lied love me tender von Elvis, auf love me Rita ummodelte. Als er dieses Lied mit leuchtenden Augen vorbrachte, war Rita außer sich vor Freude. Stolz bemerkte Mani, dass er dem Ossi den Rang abgelaufen hatte. Doch kaum war Mani X- Mal abgeküsst, schaltete sich Günther ins Geschehen ein. Er hatte es leichter. Er brauchte kein Lied zu trällern, sondern bloß auf seine Position als Kapitän zu pochen und schon hatte er Ritas Herz erobert. Werner hatte bereits vorher resigniert, da er wusste, dass er mit seiner Stimme niemanden vom Sessel reißen würde. Fredi schien die Zärtlichkeitsmasche kaum zu berühren und die beiden Fritzis hatten mit Fleming zu tun. Der wiederum schien etwas deprimiert angesichts der Übermacht, welche seine Frau umgarnte. Er leerte ein Glas nach dem anderen, unterhielt sich über dies und jenes und nahm keinerlei Notiz vom Verhalten seiner Frau. Fleming dürfte etwa um die Fünfzig gewesen sein. Er war schwer einzuschätzen, da ihn der übermäßig genossene Alkohol bereits sehr entstellt hatte. Sein Kopf war hochrot und man meinte er könnte jeden Moment explodieren so aufgedunsen war er bereits. Das Verhalten seiner Frau stand ihm ins Gesicht geschrieben. Man konnte erahnen was dieser Mann alles schon durchgemacht hatte. Mit dem Steigen des Alkoholspiegels, seinem rotem Gesicht und seinen schneeweißen Haaren, wirkte er immer mehr wie ein dümmlicher alter Mann, während seine Frau immer mehr erblühte. Als das erotische Geknistere einen gewissen Höhepunkt erlangte, begann der Wirt auf Sperrstunde zu drängen und irgendwo fiel Vorschlag, doch auf der Yacht weiterzumachen. Gesagt getan, fanden wir uns wenige Minuten später rund um den großen Tisch im Saloon unserer Paladia und begannen unsere Metaxavorräte zu plündern. Während sich Ossi, etwas enttäuscht von Rita nach einigen Gläsern des Anstands in seine Kajüte verzog, schien das Singen und Lustig sein, kein Ende zu nehmen. Erst als Fleming erste Schwächeanzeichen zeigte, wurde es Rita zu heiß. Sie fand Platz zwischen Mani und Günther und rückte eigen artig hin und her. Hätten die beiden ihre Hände auf dem Tisch liegen gehabt, so hätte ich angenommen, dass Rita eine nervöse Ader hätte und nicht ruhig sitzen könnte. Da es nicht so war und die Stimme Ritas zeitweise sogar vor Aufregung versagte, konnte ich es verstehen, dass sie schließlich meinte, es wäre wohl besser zu gehen. Fleming hatte kaum noch mitbekommen, als seine geliebte Rita, welche er erst vor zwei Jahren geheiratet hatte, gefolgt von Günther das Schiff verlies. Günther als Kapitän ließ es sich, der guten Sitten wohl bewusst, nicht nehmen, den Gast nach guter alter Kavaliersmanier nach Hause zu begleiten. Er musste sich wohl, seiner schlechten Ortskenntnisse wegen, auf dem Heimweg verlaufen haben, denn als er nach Stunden zurückkehrte, hatten Gernot und ich, ihren Mann bereits eingeschläfert. Wir mussten uns nachdem er zum wiederholten Male nach dem Verbleib seiner Frau fragte, besonders nett um ihn kümmern. So tranken wir unentwegt auf den wundervollen Abend, auf die herzliche Geselligkeit der Dänen und auf seine wunderbare Frau. Er hingegen lobte unentwegt die Österreicher, die Seeleute und unsere Gastlichkeit. So folgte ein Glas dem anderen und ein Absturz war unabsehbar. Fleming war schon einige Zeit im Land der Träume, als Günther endlich wieder zum Schiff kam. Er wirkte etwas erleichtert und war bester Stimmung. Regelrecht schlank wirkte er und jugendlich. Man soll nicht glauben was einige Stunden nächtlichen Umherirrens in einer fremden Stadt alles bewirken kann. Nun nahmen wir alle Kräfte zusammen um Fleming aus dem Boot zu schaffen. Wollten wir ihn ursprünglich seinen Dusel ausschlafen lassen, so entschloss der Kapitän in aller Härte, ihn an Deck zu schaffen, damit er seine Geschäfte nicht im Saloon verrichten könnte. Aber wir hatten Fleming unterschätzt. Kaum hatten wir ihn geweckt trabte er wie ein Automat in die Richtung seines Hotels, als sei er vorprogrammiert. Er fand sogar noch einige Worte des Abschieds und verschwand dann unauffällig. Werner war etwas beleidigt, dass ihn seine „Schlofhua“ verlassen hatte. Er glaubte nicht ganz an die Version des armen umherirrenden Kapitäns. Wie es dann auch gewesen sein mag, so musste er es als Revanche für sein Verhalten auf Siros betrachten, wo er seinem Kapitän die Treue brach in dem er sich mit Vangelis verheiratete. Gernot war immer noch nicht zu bremsen. Er war in einem wahren Liederalptraum versunken und verlangte immer wieder, dass ich ihn auf der Mundharmonika begleite. Das wiederum war fürchterlich. Kaum ein Ton der zum anderen passte. Und wenn doch, dann weil er gleich falsch wie der andere klang. Das ganze wurde zu einem fürchterlichen Ramassuri und endete in einem grauenhaften Gejohle. Es dauerte gut bis vier Uhr früh, bis wir endlich ermattet in unsere Kojen sanken.Kapitel 10

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